Bonn

Achthundertundfünfzig, vielleicht eintausendfünfhundert, allerhöchstens viertausend, hatte man gewettet, würden kommen. Es kamen 21 000 und besuchten das Kanzleramt. Im Präsidialamt hatte es vorsichtshalber keine Schätzungen gegeben. Dort stellten sich 11 273 Besucher ein, dazu 23 Hunde, darunter vier Dackel, wie ein statistischer Fanatiker registrierte Bonn hatte zum Tag der „offenen Tür“ geladen, und zum erstenmal waren das Präsidial- und das Kanzleramt dabei.

Die Parkplätze im Bundesviertel waren noch hoffnungsloser überfüllt als in den Sitzungswochen des Parlaments. Die Autoschilder ließen auf einen Einzugsradius von 200 Kilometer und mehr schließen, von Mönchengladbach bis Rüdesheim, von Monschau bis Gießen. Auch Bundestag und Bundesrat meldeten Besucherrekorde: 6500 hier, und 8000 dort.

Es war aber auch Kaiser-, Kanzler- und Präsidentenwetter zugleich. Unter der Herbstsonne gedieh die Stimmung zu einem gedämpften Volksfest. An den Fahnenmasten vor dem Kanzleramt flatterten Luftballons; wo sonst Staatskarossen parken, standen reihenweise Kinderwagen; im Garten des Staatsoberhauptes quietschten die Schaukeln der Präsidentenenkel; im Kanzlerpark formierte man sich zu Familienphotos; Werbebroschüren der Regierung, die in Einkaufswagen herangekarrt wurden, wie sie in Supermärkten üblich sind, fanden reißenden Absatz; solange der Vorrat reichte – er reichte nicht lange –, erhielt jeder 200. Besucher des Präsidialamtes eine Schallplatte mit Worten Gustav Heinemanns, jeder 200. Besucher des Kanzleramtes einen Bildband über Willy Brandt. Wenn es ihnen nicht unziemlich erschienen wäre, hätten die Familien Kaffee gekocht.

Vor allem aber war es natürlich voll. Der Lindwurm schob sich durch den Haupteingang des Kanzleramts, rechtsherum in die ehemaligen Hallstein-Zimmer, linksherum in den Kabinettssaal, sodann hinüber zum Präsidentenpalais, die Stufen hinauf in die Empfangshalle – der rote Läufer war bald zerschlissen – ein Blick in den Speisesaal und in den Repräsentationssaal, schließlich über die Terrasse in den Garten.

Hier und da ein Mann vom Bundesgrenzschutz, der die Amtssitze Brandts und Heinemanns bewacht, dazu eine Schar ziviler Aufpasser. Aber es gab nichts zu schützen und nichts zu verhindern. Keine Absperrkordel wurde überstiegen, kein Gegenstand beschädigt, hinterher fehlte nicht ein einziger Bleistift. Wer den Rasen betrat, zog mißbilligende Blicke und Kommentare der Besucher auf sich. Als die Grenzschützer am Abend die beiden Häuser und Parks durchsuchten, fanden sie niemanden, der sich versteckt hatte, auch keine vergessenen Besitztümer, sondern nur ein paar leere Zigarettenschachteln.

Daß der Sitz des Staatsoberhauptes und die Schaltzentrale der Regierung offenstanden, schien man eher wie eine Selbstverständlichkeit zu betrachten. „Die früher“, belehrte jemand seine Frau, „haben doch keinen reingelassen“, und am nächsten Morgen meinte einer der dienstältesten Angestellten des Kanzleramts bei der Manöverkritik: „Wenn Adenauer das noch erlebt hätte, dann, hätte er gesagt: Dat war ne janz große Erfolch für de Herrn Brandt.“

Carl-Christian Kaiser