Die Bundesregierung geht in ihrer Ostpolitik von zwei Voraussetzungen aus. Erstens: Im osteuropäischen Bereich kann nichts Wesentliches ohne die Zustimmung Moskaus geschehen. Zweitens: Die Regierungen in Warschau, Prag, Ostberlin und den übrigen Staaten Osteuropas sind gleichwohl souveräne Größen mit eigenem Gewicht und eigenem Willen. Der ersten Einsicht entsprachen die Verhandlungen mit Moskau, der zweiten die Gespräche, die parallel dazu oder darauf folgend auch mit anderen kommunistischen Staaten in Gang gekommen sind.

Die Kontakte mit Polen sind inzwischen soweit gediehen, daß der Bundesaußenminister hofft, Anfang November schon in Warschau zum Abschluß zu gelangen. Gleichzeitig ist diese Woche zum erstenmal seit dem August 1968 der Bonner Faden nach Prag wiederaufgenommen worden. Die Detailformulierungen, mit denen das Oder-Neiße-Problem und die Frage des Münchner Abkommens aus der Welt geschafft werden könnten, sind noch unbekannt, doch erscheint eine Einigung nicht länger als ausgeschlossen.

Bloß in der DDR rührt sich noch nichts. Die radikal-separatistische Gruppe der Dogmatiker, welche die klassenkämpferische Konfrontation sucht, hat derzeit Oberwasser; die Pragmatiker, die den innerdeutschen Bürgerkrieg für unnütz halten, sind in der Minderheit. Wenn die Bundesregierung in Warschau und Prag weiterkommt, wird freilich auch Ulbricht sich fragen lassen müssen, wie lange er die „Denkpause“ eigentlich noch als Pause beim Denken begreifen will. Th. S.