Vom Verschleiß der Wörter wissen Philologen und Kulturkritiker ein Lied zu singen. Ob es sich um das „Frauenzimmer“ handelte oder um das „Anliegen“ – Wörter werden, zusammen mit dem, was sie bezeichnen, heruntergewirtschaftet, es geht ihnen da nicht viel anders als den sogenannten guten Schuhen, die eines raschen Tages zur Gartenarbeit noch gerade gut genug sind.

Um so beachtenswerter ist es, wenn auch einmal die Ausnahme von der Regel festzustellen ist, ein bis dato nicht eben wohl beleumundetes Wort sich zu unerwarteten Höhen des Respektablen aufschwingt, ja, im milden Licht eines überraschenden Glorienscheins erstrahlt.

Die Rede ist vom Raub, beziehungsweise den seit einiger Zeit so salonfähig gewordenen Unterabteilungen „Raubdruck“ und „Raubpressung“. Man erinnert sich: Raub gilt als ein Synonym für Diebstahl aller Art. Das heißt, zum Beispiel, daß jemand, der drei Tage lang nichts zu essen bekommen hat und diesen Zustand dadurch beenden möchte, daß er in der Lebensmittelabteilung eines Kaufhauses ein Brot und eine Salamiwurst in der Tasche verschwinden, sich jedoch dabei erwischen läßt, daß dieser Mensch ein Fall für die Justiz wird.

Mit geistigem Eigentum nun war man nie ganz so pingelig, das hat nicht zuletzt der Staat lange genug vorgeführt, erst jetzt werden Gesetzesvorlagen behandelt, die das Volk der Dichter und Denker daran hindern sollen, seine Dichter und Denker zum Wohle der Lesebuch-Kinder gratis und franko auszuschlachten.

Was dem Staat recht ist, ist manchen seiner Untergrund-Bürger jedoch zu teuer. Aber was heißt hier Untergrund: Längst geht ihr Ruhm durch alle Zeitungen, und auf der Mainzer Mini-Pressen-Messe zeigten sie sich stolz auf der Erdoberfläche, mit Verlagsadresse, Kontonummer, auch telephonische Bestellungen werden angenommen. Da repräsentierte die „Motz-Presse“, die sich durch den Raubdruck von Arno Schmidts „Zettels Traum“ vor einigen Wochen ins Gespräch gebracht hatte und die, laut Selbstaussage, „die besten Raubplatten und Raubdrucke fietschert“. Da gab es den „Exit-Raubdruck“, der ein umfangreiches Warhol- und Lichtenstein-Programm, Durchschnittspreis 20 Mark, offeriert. Da gab es die Ankündigung, daß man auch in das Knef-Geschäft einzusteigen gedenke, und da gibt es jetzt die von der Sub-Sub-Jury einstimmig zur „Raubplatte des Jahres“ gewählte Raub-Pressung von Biermann-Liedern, die auch von seriösen Zeitungen nicht ignoriert wird.

Die Sache begann einmal, das ist schon länger her, so: Studenten, die sich am Studieren dadurch gehindert sahen, daß die zur Arbeit notwendigen Texte in der Bibliothek ständig ausgeliehen und in der Buchhandlung zu teuer waren, halfen sich selbst, indem sie Bücher oder Vorlesungsmanuskripte vervielfältigten und zum Selbstkostenpreis weitergaben. Auch Texte, die seit Jahren nicht mehr aufgelegt waren, wurden so wieder zugänglich gemacht.

Dann freilich, das ist nun einmal so in der kapitalistischen Welt, wurde das Geschäft überregional, fing an zu blühen, auf Raubdrucke spezialisierte Buchhandlungen wie „Libresso“ in Frankfurt und „Spartakus“ in Hamburg etablierten sich, man sprach jetzt auch lieber von „sozialisierten Drucken“ oder „proletarischen Reprints“. Und jetzt, nachdem dank raubgedrucktem Wilhelm Reich auch die Orgasmusschwierigkeiten beseitigt sind, sorgt man also dafür, daß Klaus Wagenbach, dem Westberliner Verleger und Kontaktmann des in Ostberlin ansässigen Wolf Biermann, ein wenig verlegerische Mühsal abgenommen wird und auch Moldens Spitzenreiterin Hildegard Knef im Untergrund die gebührende Resonanz findet.

Wo so marktgerecht geraubt wird, da wird man künftig wohl kaum mehr ohne Raub-Seller-Listen und die goldene Raub-Kritiker-Platte auskommen. In den schönen Gefilden des Geistes können Wörter eben noch Karriere machen. Besonders, wenn Feuilletonisten sich der Sache annehmen. Der Mann, der dabei erwischt wird, wie er ein Brot und eine Salamiwurst einsteckt, wird im Lokalteil derselben Zeitung als Ladendieb geführt. Petra Kipphoff