Landschaftsplanung ist hierzulande genauso wenig ein öffentliches Anliegen wie Stadtplanung. Noch immer wird bei uns der Fetisch vom Häuschen im Grünen kultiviert, wird Stadtfeindlichkeit gepflegt und gefördert. Das Erlebnis von Landschaft bleibt meist auf den privaten Bereich beschränkt, der mit sorgsam gepflanzten Hecken gegen die Umwelt abgeschirmt ist.

Wie im gesamten schleswig-holsteinischen Ostseebereich, so hat auch in der Umgebung von Flensburg und dem nahegelegenen Ostseebad Glücksburg der Bauboom eingesetzt: Der Auftakt zur endgültigen Zerstörung einer der reizvollsten und vielseitigsten Ostseeküstenlandschaften. Die Straße zwischen Flensburg und Glücksburg, einst als „die schönste Fördestraße“ gepriesen, wird in absehbarer Zeit vollständig vom öden Einerlei „individueller“ Ein- und Mehrfamilienheime gesäumt sein.

Das finanzschwache Glücksburg plant Großes. Allein auf der kleinen Halbinsel Holnis ist eine umfangreiche Einfamilienhäuser-Siedlung und das von einer privaten Kapitalfirma getragene Ferienzentrum „Marina Holnis“ im Bau. Veranschlagte Kosten für „Marina Holnis“: 65 Millionen Mark. Der Bau einer weiteren Hotel- und Kuranlage auf der Halbinsel ist vorgesehen. Im Rathaus zu Glücksburg verweist man stolz auf das von einem Kieler Experten erarbeitete Gutachten, das mit akribischer Genauigkeit die landschaftlichen Besonderheiten, die Charakteristika von Bodenstruktur, Altbebauung und Flora verzeichnet. Doch von „Landschaft“ wird man hier bald nicht mehr sprechen können.

In den angrenzenden Küstengebieten – Bockholm, Bockholmwik – fehlen die strahlenden Großprojekte. Hier wird die Landschaft in kleinen Schritten zerstückelt. In Bockholmwik darf, gegen Gebühr, jeder mit dem Auto unmittelbar ans Wasser fahren; asphaltierte Wege sorgen für eine reibungslose An- und Abfahrt. So gleichen alle mit dem Auto erreichbaren Teile des Fördegebietes an Wochenendtagen riesigen Parkplätzen. Man begnügt sich mit der Hoffnung, daß sich die Leute inmitten ihrer Autos wohlfühlen. Und so kommt niemand auf den Gedanken, einen Abfangparkplatz anzulegen und den Küstenstreifen als Erholungsgebiet zu schonen.

In Bockholm-Dorf gab man unlängst ein großes Wiesengelände zur Bebauung frei. Die Stadt Glücksburg errichtete eine Kolonie ziegelroter Holzhäuschen, über deren Häßlichkeit die Stadtväter schließlich selbst erstaunt waren. Asphaltwege und Parkplätze, mit allerbilligsten Mitteln in die Landschaft eingegossen, geben auch hier dem Urlauber die Gewißtheit, daß er auf keinen städtischen Komfort zu verzichten braucht. Doch diese einheitliche Hüttensiedlung ist nicht das Schlimmste: Die Wiese nebenan wird von Privatleuten „individuell“ bebaut. Hier darf jeder seinen Traum vom Eigenheim nach eigenem Geschmack verwirklichen. Schon jetzt zeichnet sich das deprimierende Gesamtbild dieses Erholungsgeländes ab, das sich von der planlos wuchernden Vorstadtsiedlung nur noch durch die billigere Art der Bebauung unterscheidet.

Zwischen Bockholm-Dorf und Bockholmwik liegt das einzige bislang noch unberührte Küstengebiet der Gegend. Der Wanderweg oberhalb der Steilküste bietet Ausblicke auf die Förde und auf das gegenüberliegende dänische Land. Dieses Gebiet steht – wie übrigens auch die anderen erwähnten Küstenstreifen – unter Landschaftsschutz. Mitten in diesem letzten Reservat wird im kommenden Frühjahr ein mondänes Gebäudekonglomerat mit entsprechenden Zufahrtswegen gebaut. Ausgerechnet hier will ein Forscher, der für die Bundesmarine arbeitet, eine Beobachtungsstation bauen. Wenn einem im Glücksburger Rathaus versichert wird, die Stadt selbst habe sich gegen diesen Einbruch in das Landschaftsschutzgebiet gewehrt, so ist das eine ebenso fadenscheinige Beschwichtigung wie der Hinweis, im Zusammenhang mit der Station seien nur die notwendigsten Aufenthaltsräume vorgesehen. Der Blick auf die Pläne macht auch dem Arglosesten klar, daß hier umfangreiche Wohngebäude entstehen, denen nebenbei auch noch eine zwölf Meter hohe Beobachtungsstation angegliedert wird.

Landschaftsschutzbestimmungen werden mit aller Akribie eingehalten, wenn beispielsweise ein Bauer den Versuch machen will, seine Bilanzen durch Aufstellung eines unscheinbaren Holzhäuschens oder durch den Ausbau eines leerstehenden Wirtschaftsgebäudes aufzubessern; aber solche Bestimmungen verlieren ihre Verbindlichkeit, wo es um die handfesten Interessen der Gemeinde oder eines potenten Steuerzahlers geht. Michael Brix