Karl Schiller war 1966 die große Hoffnung der deutschen Wirtschaftspolitik, als er in der Großen Koalition das Wirtschaftsministerium übernahm. Karl Schiller schaffte es auch, die Wirtschaft aus dem Tief der Krise „programmgemäß“ herauszuführen. Seine These, daß die Konjunktur manipulierbar und machbar sei, hat ihm bis in das Jahr 1968 hinein viel Lorbeer eingebracht.

Schwierig wurde es für ihn erst dann, als seine „Neue Wirtschaftspolitik“ in der Hochkonjunktur auf derart großen politischen Widerstand stieß, daß sie nicht mehr konsequent fortgeführt werden konnte und der Weg für einen ungezügelten Boom bereitet wurde.

Dem Wirtschaftsminister blieb es damit versagt, über John Maynard Keynes, den einflußreichsten Wirtschaftstheoretiker dieses Jahrhunderts hinauszugehen. Was Schiller in der Krise anwandte, war nämlich im Prinzip nichts anderes, als die Vollbeschäftigungs- – theorie des Briten anzuwenden.

Lord Keynes, der unter dem Eindruck der großen Arbeitslosigkeit in den dreißiger Jah- – ren seine Thesen zur Überwindung der unterbeschäftigten Wirtschaft entwickelt hatte, war schon Vorbild des Rooseveltschen „New Deal“ in den Vereinigten Staaten. Seine Theorie, daß man sich mit Hilfe von staatlichen Aufträgen auf Kredit von selbst aus der Arbeitslosigkeit herausreißen und eine vollbeschäftigte Wirtschaft erreichen . kann, beeinflußt heute die Wirtschaftspolitik in allen Industrieländern.

Seit Keynes liegt, die These vom Gesundschrumpfen in der Krise auf dem wirtschaftspolitischen Müllhaufen. Die Aufrechterhaltung der Vollbeschäftigung ist heute überall das A und O mit all ihren Konsequenzen, auch mit dem säkularen Trend zur Preisinflation. Keynes hat nicht, nur die Grundlagen für die „New Economics“ gelegt, die zu einer Überschätzung der Möglichkeiten geführt haben, eine Konjunktur machbar zu machen. Der vielseitige Brite war auch der britische Gegenpart zu den Amerikanern, als es um eine Neuordnung; des Weltwährungssystems nach dem Zweiten Weltkrieg ging.

In seinem Buch „Revolutionär des Kapitalismus umreißt Robert Lekachman Person und Werk von J. M. Keynes; dessen Thesen heute wie in den dreißiger Jahren hochaktuell sind. Wir beginnen heute mit einer Folge von Auszügen aus diesem Buch. DZ