Von Hans-Joachim Noack

Frankfurt/Main

Aldo Binatti, der Kraftfahrer aus der Gegend von Turin, lebt seit fünf Jahren mit seiner Familie in Deutschland. Er trägt eine blaue Uniform und auf dem rechten Arm ein gelbes Horn. Aldo Binatti arbeitet bei der Bundespost. Doch das allein ist nicht der Grund, weshalb es dem Italiener seit knapp vier Wochen im fremden Land so gut gefällt.

Der Gastarbeiter lebte etwa ein Jahr lang in Frankfurt, Stadtteil Westend, Eppsteiner Straße 47, in einer unter dem Dach gelegenen 50-Quadratmeter-Wohnung: mit fünf Personen in zwei Zimmern und einer winzigen Küche für 250 Mark, die Umlagen nicht eingerechnet, die Trostlosigkeit des verlotterten Hauses, die Wanzen an den Wänden und die Willkür des Grundstücksbesitzers ebenfalls nicht.

Seit dem 19. September wohnt Binatti im gleichen Gebäude, ein Stockwerk tiefer und zu Bedingungen, die er selbst zu beeinflussen vermochte: für insgesamt 291 Mark plus Heizung, auf einer Fläche von 120 Quadratmetern in halbwegs vernünftigen Räumen. An diesem Tage hatten (vergl. DIE ZEIT Nr. 40) eine Reihe von kinderreichen Männern und Frauen, Studenten, Lehrlingen, Deutschen und Gastarbeitern "ein Zeichen" gesetzt. Sie hatten das verwahrloste und nur noch von wenigen Familien bewohnte Haus kurzerhand "in Selbstverwaltung übernommen". Der "an sich wiederrechtliche Akt" – so Frankfurts Oberbürgermeister Walter Möller – war von großen Teilen der Bevölkerung mit unverhohlener Sympathie bedacht worden. Mietwucher und unglaubliche Bodenspekulationen hatten einer illegalen Abwehrreaktion Vorschub geleistet, für die sogar sittsame und keinesfalls progressiv zu nennende Bürger Verständnis aufbrachten.

Ein Monat ist über die Besetzung vergangen, die Diskussionen haben seither nicht aufgehört. Es sind die ewigen Fragen von Recht und Ordnung, von der Unantastbarkeit persönlichen Eigentums und der sozialen Verpflichtung der Besitzenden – Probleme, in deren Erörterung zwischen den Anwälten des Hauseigentümers und den an allseitiger Befriedigung interessierten städtischen Stellen jedoch ein neuer Zungenschlag getreten ist: Die Besatzer haben darauf verzichten können, den Mechanismus ihres Bollwerks, mit dem sie nach der Art mittelalterlicher Burgtor-Verteidigung die Haustür schützen, in Gang zu setzen; Polizisten sind bisher nur im Hoftor erschienen.

Indessen probt hinter Bohlen und Brettern eine Hausgemeinschaft nach ihrem Aufstand den Alltag. Ein Irrtum beginnt sich aufzuklären, der bei jenen lag, die annahmen, die Hauseroberung werde sich als kurzatmiger Protest gleichsam von selbst erledigen. "Was hier geschehen ist", erläutert der Mieter Tilmann Schulz, "hat mit einer demonstrativen Uni-Besetzung nichts mehr zu tun. Hier sind Wohnverhältnisse geschaffen worden."