Von der autoritären Gesellschaft zur Solidarität / Von Arno Plack

Professor Arno Plack, Autor des vielgelesenen moralkritischen Buches „Die Gesellschaft und das Böse“, setzt sich mit der modernen Gesellschaftskritik auseinander. Seine These: Kritik an der herrschenden Ordnung, an den wirtschaftlichen Zwängen allein genügt nicht, sie schafft keine nachhaltigen Veränderungen. Erst muß der Mensch über seine Triebnatur aufgeklärt werden.

Fast alle Kulturkritik hatte bisher einen Nachteil: Man redet nur sehr allgemein von Mißständen, Widersprüchen und Auswüchsen der bestehenden Ordnung, ohne näher zu beschreiben, was damit gemeint sei. Allzuleicht fließen Wendungen wie „autoritäre Gesellschaft“ und „systemimmanente Zwänge“ aus den kritisch gespitzten Federn, ohne daß recht klar wird, worin jene besteht und wie diese in ihr funktionieren. Über die Kleinarbeit von Phänomenanalysen ist zumal eine politisch-religiöse, das heißt einseitig gebundene, Gesellschaftskritik erhaben. Der erste Band einer neuen Kritikreihe,

„Kritik 1. Die autoritäre Gesellschaft“; hrsg. von Günter Hartfiel, mit Beiträgen von Jürgen Fijalkowski, Wilfried Gottschalch, Wolfgang Hochheimer, Jürgen Ritsert, Hans-G. Rolff und Willy Strzelewicz; Westdeutscher Verlag, Opladen 1969; 215 Seiten, 12,– DM,

dieser Band „perpetuiert“, um dies Modewort zu gebrauchen, weitgehend diese Mängel und darf insofern als symptomatisch für Kulturkritik, wie sie uns vertraut ist, gelten: Kritik des Bestehenden, die sich vorab in Kategorien des Institutionellen und Organisierbaren bewegt.

Die autoritäre Gesellschaft, die so heißt, weil in ihr unduldsame, rechthaberische Menschen auf ihre Weise gesellig, nämlich quälend und qualvoll, zusammenleben, ihre institutionellen Verkrustungen sollen beseitigt werden – so als werde nicht bereits in den allerersten Lebensjahren durch mannigfache Frustrationen und Dressate ein aggressiver und sado-masochistischer Habitus geschaffen, der noch die freiheitlichste Institution mit repressivem, konkurrenzierendem oder subversivem Druck erfüllt. Die Bauchredner der herrschenden Ordnung, die uns „Regeln gegen Mitmenschen“ an die Hand geben oder Erfolgsrezepte, besser voranzukommen, stellen sich zumindest unbewußt darauf ein.

Scheinaufgeklärte Kulturkritik hat im Glauben an einen angeborenen Aggressionstrieb zumeist völlig vergessen, wo die allgegenwärtige Gewalttätigkeit unserer „Hochkultur“ ihren Ausgang nimmt. Einzig Hochheimer ist sich unter den hier vorgestellten Autoren mit Horkheimer darüber im klaren, daß die Familie jene erzieherische Macht ist, die wesentlich die repressiven und aggressiven Charaktere reproduziert. Für Hartfiel bereits ist es „die Gesellschaft, die den versagenden Vater produziert“.