Es gibt einen geradezu klassischen „PR“-Coup, von dem jener, der ihn landete, nicht die geringste Ahnung hatte; denn er passierte fünfzig Jahre bevor Public Relations überhaupt publik wurden. Ein Münchener Elektrokaufmann namens Josef Friedrich Schmidt ersann ein Spiel, gab es in Druck und im Eigenverlag heraus. Sein Gütezeichen war ein zorniger Mann, der per Faustschlag die Spielutensilien in die Gegend haut, ein Prototyp des Spielverderbers also. Herr Schmidt blieb auf vielen Tausenden Spielen mit dem ungeschmeidigen Titel sitzen; da kam der Erste Weltkrieg, und der Verleger verschenkte „Mensch ärgere dich nicht“ an die Lazarette. Die patriotische Tat machte ihn zum reichen Mann: Seitdem kaufen mindestens eine halbe Million Deutsche jährlich dieses Spiel, und nur genau dieses Spiel bis auf den heutigen Tag. „Mensch ärgere dich nicht“ gehört zum Deutschen wie Bier und Sauerkraut und Gemütlichkeit.

Es ist Dutzende von Malen kopiert worden, und es ist ganz und gar nicht schön anzusehen. Schön hingegen sind die Spiele, die Hans-Jörg Nürnberger zu Rottach-Weißach am Tegernsee anfertigt; Spezialkreationen wie geschnitztes Schach oder elfenbeinerne Mah-jongg gütigst ausgenommen, fabriziert er, meine ich, die schönsten Gesellschaftsspiele, die je hergestellt wurden. Sie sehen aus wie Posters. Die Farbenpracht läßt zunächst gar nicht an ein Spiel denken (da ist man ja seit Jahrzehnten von den Spielemachern negativ vorprogrammiert). Was man da sieht, hängt man sich ohne weiteres an die Wand, womit ein altes Spiele-Problem gelöst ist: die Aufbewahrung, Freilich nur zum Teil. Das merkt man aber erst später. Die Spiele sind nämlich auch noch äußerst pfiffig verpackt. Auf der Rückseite sieht man durch ein längliches Fenster der Klarsichtfolie die gedrechselten Spielutensilien in wunderschön mit dem Plan harmonierenden Farben. Drum herum, graphisch lustig verpopt, eine Charakteristik des Spiels.

Löst man die Folie, behält man neben Spielplan und einer länglichen Schachtel ein zu großes Stück Pappe als Spielregel zurück, zunächst hübsch anzuschauen, aber später lästig. Deshalb: Spielregeln auf die Innenseite der Utensilienschachtel drucken – oder einen Streifen beilegen, den man hineinkleben kann, oder, noch besser, außen drauf, weil ja alle Schachteln gleich sind.

Schön sind sie. Doch muß ich jetzt, gelange ich zu den Spielen selbst,-meine Hymne abrupt abbrechen. Und damit sind wir wieder bei „Mensch ärgere dich nicht“. Man macht dieses Spiel nicht besser, wenn man es, wie bei „Hippimill“, mit drei Würfeln spielen läßt, welche man beliebig auf seine Männchen aufteilt, die auch noch rückwärts (auch über den Start?) ziehen dürfen, wodurch es zu viert zu einer endlosen „Schlächterei“ und zu zweit zu einer leerlaufenden Mühle wird, oder wenn man es, wie bei „Old Britain“, mit markiger Historie aufpäppelt oder in „Huckepack“ mit „Fang den Hut“ mixt.

Spiele müßten, meine ich, irgendwo erotisch sein: schön anzuschauen, schön anzufassen. Hanje-Spiele sind auf diese sympathische Weise erotisch. Aber, ach, wären sie nur bessere Spiele!

Eugen Oker