In einer Garage in Mailand ziehen italienische Kriminalbeamte aus dem doppelten Boden eines deutschen Goliath-Coupes mit Münchner Kennzeichen hundertzwei Kilogramm rohes, in weiße Säckchen verpacktes Morphium. Drei türkische Kuriere werden verhaftet. Zwei der Männer waren bereits einige Tage zuvor die Handschellen sicher, als die französische Sécurité auf der Cannebiere in Marseille zweiundvierzig Kilogramm derselben Rauschgiftsendung im Volkswagen eines Österreichers sicherstellte; aber man hatte die beiden Türken scheinbar entkommen lassen. An der Fluchtspur ihres Peugeots, entlang der Blumenriveria nach Mailand, lernte die Polizei die neuesten Laufwege eines Mafia-Rauschgift-Syndikats kennen.

Die beiden Kuriere suchen nach dem Fehlschlag in Marseille Kontakt zum „ambulanten“ Mailänder Depot: Der morphiumbeladene Goliath steht mit Motorschaden in der Werkstatt. Die Pulversäckchen sollen auf den Kurierwagen nach Marseille umgeladen werden, und dann soll das deutsche Auto verschwinden: umgespritzt, umgebaut oder demontiert. Von Marseille sollte die Pulversendung entweder direkt nach Kanada oder den USA verschifft werden oder zurück nach Mailand, Rom und von dort via Sizilien in Konserven-, Obst-, Tomatensendungen oder in wachsimitierte sizilianische „Marzipanfrüchte“ eingespritzt nach Amerika verfrachtet werden. Die italienischen Mafia-Bosse, die über Telephon und Fernschreiber den Import und Export von Rom und Mailand abgewickelt hatten, blieben auch diesmal im dunkeln.

Der Eineinhalb-Tonnen-Coup war der härteste Schlag gegen die moderne Mafia und ihre Monopolherrschaft (Drogen-, Tabakschmuggel, Großmärkte, Immobilien, Obst- und Gemüseplantagen, Wasser- und Elektrizitätsversorgung) in der jüngeren Mafia-Chronik. Die Operation schien so wichtig, daß US-Präsident Nixon sich über alle Details informieren ließ. In einem offiziellen Kommuniqué dankte der amerikanische FBI der Sécurité und Interpol für die „ausgezeichnete Zusammenarbeit“. Die Anteilnahme aus den USA kam nicht von ungefähr. Hinter dem aufgeflogenen Zwanzig-Milliarden-Lire-Geschäft stand die Cosa Nostra, Amerikas gigantisch organisierte Unterwelt, von sizilianischen Emigranten in der Prohibitionszeit gegründet.

Das gesprengte Syndikat enthüllte Umrisse und neue soziale Strukturen des Unterweltriesen: ausländische Protagonisten, amerikanische Finanziers, moderne Managementpraxis, internationale Organisation (Türkei, Frankreich, Deutschland, Österreich, Italien, USA), Mafialogen fürchten diese neue Mafia mehr als die alte, erschrecken vor dieser industrialisierten, geschäftlich, politisch und gesellschaftlich etablierten italienischen Gangsterwelt mehr als vor der handwerklich operierenden, sizilianischen Banditenweit eines Giulianos. Dr. X erklärt mir, warum. „Wenn Sie die Mafia suchen, fahren Sie nicht erst nach Sizilien. Sie sitzt in Rom und Mailand. Ihre Geschäftsführung ist aufs Festland in die Industriestädte umgezogen.“

Das Treffen mit Dr. X findet unter mafiosen Umständen statt. Name und Funktionsrang meines Gesprächspartners müssen fiktiv bleiben. Über Ort, Uhrzeit des Zusammentreffens, das über Untergrundkanäle zustande kam, ist omerta verhängt: genötigtes Schweigen. „Wenn Sie die Abmachung brechen“, witzelt Dr. X stilgerecht, „schicke ich die Killer.“ Aber auch diese gescherzte Einschüchterung verriet, wie alle die Mafia-Karikaturen, die ich auf meiner Reportagereise hörte, die bange Vorsicht, eine Unvorsichtigkeit werde die Fahndung stören und die Sandspuren zu den großbürgerlich solide getarnten Gangstern verschütten.

Äußerlich nämlich fallen die feinen Herren auch nicht mehr unangenehmer auf als Nachkriegsparvenüs, die auf zu großem Fuße leben. Sie tragen dunkelblaue Doppelreiher, weiße Hemden, Phantasiekrawatten; allenfalls zwei verschiedene Kennkarten und ein 7,65-Kaliber neben dem Kamm in der Tasche. Sie operieren aus marmorgetäfelten Büros, wickeln Transatlantikgeschäfte über Briefkastenfirmen ab und halten sich das Nullkonto in einer Schweizer Bank. Ihre Söhne besuchen Universitäten. Ein ehrenwerter Beruf (Beamter), eine lukrative Tätigkeit (Großwäscherei, Öl- und Spirituosengeschäft) tarnt sie. Die Mafia hat Karriere gemacht, auch akademische Karriere. Ein Ingenieurs-, Rechtsanwalts-, Volkswirt-Titel hält die Weste nach außen rein und die geehrte Gesellschaft hoch.

„Allenfalls an ihrer geölten Scheinheiligkeit können wir sie noch erkennen“, sagt Dr. X: „,Mafia, was ist das? Gibt es doch nicht mehr!’ Aber dieses Gehabe ist kein Indiz.“