Wirtschaftsminister Karl Schiller würde am liebsten den Schlußstrich unter eine unliebsame Akte ziehen, die ihn seit der Großen Koalition verfolgt. Doch die Bayern sitzen ihm im Nacken. Außerdem hat sich ausgerechnet ein Vertreter der Industriegewerkschaft Metall für die Interessen eines der größten deutschen Konzernherrn stark gemacht. Der bayrische Bezirksleiter der IG Metall, Erwin Essl, will Friedrich Flicks Maxhütte zu staatlichen Zuschüssen verhelfen. Die Höhe der Staatshilfe für die Eisenhandels GmbH im bayerischen Randgebiet Sulzbach-Rosenberg soll jährlich rund fünf Millionen Mark betragen.

Die Vorgeschichte des Falles geht auf die Zeit der Rezession in den Jahren 1966/67 zurück. Obwohl 1968 bereits ein erkennbarer Trend zum wirtschaftlichen Aufschwung deutlich geworden war, hatte die Maxhütte mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen. Bei einer Besprechung, die Wirtschaftsminister Schiller mit dem bayrischen Staatsminister für Wirtschaft und Verkehr, Schedl, und Maxhütten-Bossen im Mai führte, versprach der Minister, der Hütte notfalls mit Steuermitteln unter die Arme zu greifen.

Wie der Direktor und Finanzchef der Maxhütte, Ernst Kämpfer, heute allerdings meint, habe es sich nicht um eine Investitionshilfe gehandelt. Denn: "Solche Dinge würde Herr Flick nicht wollen." Die Maxhütte habe vielmehr nach Möglichkeiten gefahndet, den Staatshaushalt für einen Frachtausgleich nach dem Saar-Modell anzuzapfen.

Das Saar-Modell sieht staatliche Frachtzuschüsse in Höhe von rund 20 Millionen Mark im Jahr vor. IG-Metaller Essl: "Es ging uns in Bayern darum, einen Ausgleich für die sogenannten Als-ob-Tarife an der Saar zu bekommen. Man hat errechnet, daß dadurch die Maxhütte um fünf Millionen Mark jährlich benachteiligt wird."

Daß Bonn der Saar-Industrie sogenannte Alsob-Tarife gewährte, hängt mit der versprochenen, aber noch immer nicht realisierten Saar-Kanalisation zusammen. Der Saar-Stahlindustrie sollten die günstigeren Frachttarife den Wettbewerb mit den übrigen Stahlproduzenten garantieren.

Das bayrische Wirtschaftsministerium, die Maxhütte und IG-Metaller Essl meinen nun, die Maxhütte sei ebenso wie die Saar-Industrie weit vom Schuß und müsse mithin einen Frachtausgleich erhalten, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

Karl Schiller sah dies zunächst ein und bemühte sich um eine Geldquelle. Der damalige Finanzminister Strauß ließ den Wirtschaftsminister allerdings im Stich und teilte ihm mit, keine zusätzlichen Mittel für seine bayrische Heimatindustrie zur Verfügung stellen zu können. Bei einem Empfang des bayrischen Ministerpräsidenten Alfons Goppel sprach Strauß dann mit doppelter Zunge und sicherte den Bayern seine Hilfe zu. Als Schiller abermals drängte, blieb der damalige Finanzminister taub. Ministerialdirektor Herbert Ehrenberg, heute im Bundeskanzleramt, damals im Wirtschaftsministerium zuständig für Strukturfragen, meint heute: "Strauß hat damals ein makabres Spiel getrieben. In Bayern sagte er ja, in Bonn nein, und unsere Briefe ließ er unbeantwortet."