Schiller verdankt es dem Zufall, daß seine Konzertierte Aktion noch lebt. Doch die Tarifpartner haben die Regie übernommen.

Die Konzertierte Aktion, von Bundeswirtschaftsminister Karl Schiller als der „institutionalisierte Verstand“ gepriesen, verdankt es einem unerwarteten Glücksfall, daß ihre Überlebenschancen fürs erste gesichert sind. Die Regie des Ministers hat wenig dazu beigetragen, die Einkommensentwicklung der kommenden Monate mit dem Wachstum des realen Sozialprodukts in Einklang zu bringen.

Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände haben der Konzertierten Aktion überraschend ähnliche Konjunkturprognosen für das Jahr 1971 vorgelegt. Das ist gewiß kein Ersatz für amtliche Orientierungsdaten. Es läßt dennoch hoffen, daß der „Verteilungskampf“ zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern, der nach dem Votum des von der Bundesregierung eingesetzten Sachverständigenrates eigentlich schon am Ende des vergangenen Jahres beendet sein sollte und dennoch recht zügellos weitergeführt wurde, wenigstens im nächsten Jahr nach wirtschaftspolitischen Regeln geführt wird.

Schiller hat nun Aussichten, das Wachstum der Löhne, Gewinne und Preise wieder in den Griff zu bekommen. Seit vielen Monaten hat er es nicht mehr gewagt, die Sozialpartner auf eine amtliche Vorausschau ei’nzuschwören. Immer wieder hat er sich dem Druck der Gewerkschaften gebeugt, die sich von ihm nicht an die Kandare nehmen lassen wollten – was ja nicht gerade von einem Vertrauensverhältnis zwischen den Gesozialdemokratischen Minister zeugt.

Mit diesem Verhalten aber hat der Minister die Arbeitgeber immer mehr gegen sich eingenommen. Vor der jüngsten Runde der Konzertierten Aktion schien es fast, als entschlössen sich die Unternehmervertreter zum Auszug aus diesem Diskussionskreis. Dadurch, daß der Eklat vermieden wurde, erhält der Minister, wieder eine Chance. Es könnte seine letzte sein.

Sicherlich ist kaum jemand in diesem Lande bereit, die Tarifautonomie der Sozialpartner zu beschränken. Dies war auch nie Aufgabe der Konzertierten Aktion. Daß sie während der zurückliegenden Konjunkturflaute, vor allem im Jahre 1967,. dennoch funktionierte, lag daran, daß die Bundesregierung ihre Wirtschaftspolitik damals mit nur einer Zunge artikulierte, daß sie die Prämissen ihrer Politik offen darlegte und Gewerkschaften wie Unternehmern verständlich machte. Die sozialliberale Koalition hat solche Einmütigkeit und Zielsicherheit bislang nicht erreicht.

Zu Beginn ihrer Amtszeit hatte die neue Bundesregierung zwar mit Recht erklärt, daß die Entwicklung der Löhne und Gehälter in der Phase des konjunkturellen Aufschwungs zu kurz gekommen sei. Es fehlten indes klare Daten darüber, wann die „soziale Symmetrie“, der Gleichschritt der Einkommen aus abhängiger und selbständiger Arbeit, wieder hergestellt sein würde.