Unser Polenbild ist völlig falsch“, meinte der SPD-Bundestagsabgeordnete Professor Günter Slotta nach der Rückkehr von einer dreiwöchigen Polenreise, auf der er Kontakte mit Wirtschaftlern und Politikern aufnahm. „Wir meinen immer noch, Polen sei ein Land der Gänse. Tatsache aber ist, daß 52 Prozent der gesamten Produktion, aus dem Bereich der Industrie kommen.“

Bei seinen Gesprächen mit polnischen Abgeordneten ließ sich Slotta vor allem den neuen Fünfjahresplan von 1971 bis 1975 erläutern. Slotta: „Die Polen haben die Prioritäten erst einmal auf den Sektor der dauerhaften Konsumgüter wie Fernsehgeräte, Kühlschränke, Radios und so weiter gelegt.“ An eine Ausweitung der Automobilindustrie wagt sich Polen derzeit allerdings noch nicht heran, denn „statt Autos bauen sie Schulen.“. Die Produktion kurzfristiger Konsumgüter sowie des Wohnungsbaus stehen an zweiter und dritter Stelle im Fünfjahresplan.

Die Forcierung der Konsumgüterindustrie in Polen hat gute Gründe, das schafft neue Arbeitsplätze. Denn in den Jahren zwischen 1945 und 1955 erlebte Polen eine außerordentlich große Bevölkerungsexplosion. Für diese Generation waren nicht genügend Arbeitsplätze vorhanden. Das Arbeitsplatz-Programm der Polen sieht für den Zeitraum 1961 bis 1975 vier Millionen neue Arbeitsplätze vor.

Die Mittel für Gemeinschaftsinstitutionen, die früher zentral eingesetzt wurden, werden heute von den Unternehmen weitgehend selbst für gesellschaftspolitische Investitionen eingesetzt. Slotta: „In Gleiwitz hat das beispielsweise dazu geführt, daß ein Institut für Datenverarbeitung an der polytechnischen Hochschule drei Jahre früher als geplant fertig wird. Die Computer-, firma hat nämlich parallel zu ihren eigenen Investitionen ihren Anteil für gesellschaftspolitische Investitionen sinnvollerweise im gleichen Bereich eingesetzt. Diese Methode wäre früher nicht denkbar gewesen.“

Mit der zunehmend größer werdenden Beweglichkeit der Wirtschaftsplanung hängt auch das neue Lohnsystem zusammen, das Anfang des; kommenden Jahres eingeführt wird. Slotta: „Die Polen führen erstmals den Leistungslohn ein.“

Der deutsch-polnischen Zusammenarbeit gibt Professor Slotta vor allem auf wirtschaftlichem Gebiet Zukunftschancen, W. Hoffmann