Der Weihbischof überrascht den jungen Priester im Pfarrhaus mit der hübschen Lehrerin in nach seiner Meinung eindeutiger Situation (Platten hörend, Schuhe aus, Beine angezogen auf der Couch). Was geschieht? Der Weihbischof empfiehlt dem Priester, zu solchem Zweck doch lieber auswärts ein Hotel aufzusuchen. Der Priester folgt dem Vorschlag, doch ohne Lehrerin und zu anderem Zweck. Er begeht Selbstmord im Hotelzimmer. Warum?

Wenn Heinrich Bölls jüngstes Theaterstück „Aussatz“ beginnt, ist die Leiche bereits – in aller Eile, ohne Identifizierung – eingeäschert worden, die Akte geschlossen. Die Kirchenbehörde, einen Skandal befürchtend, hat erfolgreich bei der Polizeibehörde interveniert. Darüber macht sich der Ermittlungsbeamte Tobser so seine Gedanken. Er verfolgt privat seine Spuren weiter. Auch der junge Kleriker Kumpert, ein Freund des Toten und Protagonist der kirchlichen Apo, durchschaut bald das Spiel und muckt auf. Die Behörden geraten in Verlegenheit. Da wird bekanntgegeben, es hätten sich bei dem Toten erste Anzeichen von Aussatz gefunden, das habe die sofortige Leichenverbrennung erforderlich gemacht. Stimmt das? Oder ist es ein raffiniertes Täuschungsmanöver der Kirchenbehörde?

In der Fassung der Aachener Uraufführung bleiben, anders als im zuvor bereits gedruckten Text des zunächst von Stroux für Düsseldorf angenommenen, dann wieder abgesetzten Stücks, diese Fragen völlig offen. Das Schlußbild einer komfortablen Quarantäne, die man schließlich für die Freunde des Selbstmörders einrichtet, erhält in der Aufführung fast eindeutig handfest medizinische Funktion, statt – wie Böll ursprünglich vorgesehen hat – primär symbolische Bedeutung zu haben. Böll hat den entsprechenden Änderungen offenbar zugestimmt, er war bei den Proben dabei. Das verwirrt bedauerlicherweise noch einmal, was zuvor schon verwirrend und vage genug war.

Der Aussatzverdacht wie das Quarantäne-Schlußbild sind dramaturgisch völlig nichtssagend, wenn sie nicht einstehen für eine sozusagen metaphysische Infektion. Es wird immer wieder gesagt, der junge Priester habe seinen Glauben, seine Treue, seine Unschuld nicht loswerden können. Daß die Kirche als Teil des Establishments manipuliere und taktiere wie dieses, unwahrhaftig bis zur Verleugnung des Glaubens und der Treue, habe ihn in den Tod getrieben. „Die Heiligen begehen Selbstmord.“ Das Stück legt in manchen Szenen die Vorstellung nahe, Unschuld und Treue erschienen in den Augen der Welt (und auch der Kirchenbehörde) als eine Art Aussatz. Was bleibt von dem allen übrig, wenn der klerikale Cheftaktierer, der Weihbischof, am Ende in die Quarantäne einbezogen wird? Da wird das Zugeständnis der bona fides – dramaturgisch – so weit getrieben, daß das Stück seinen Sinn verliert.

Es gilt nicht eben als zeitgemäß, auf der Bühne eine realistische Handlung mit metaphysischer Symbolik zu konfrontieren. Böll hat das offenbar schon bei der Konzeption seines Stückes empfunden. Er hat es nicht riskiert, formale Konsequenzen aus seinem Einfall zu ziehen, der auf nichts anderes hinausläuft. Darüber sind die Ebenen der realen Abläufe und der bildhaften Bedeutungen durcheinander geraten; was unerfreuliche Folgen unter anderem auch für die Lebendigkeit der Figuren und die Sprache hat, die flach und pauschalierend ist, Sprache der Podiumsdiskussionen über Probleme.

Eine Aufführung des Stückes hätte hier durchaus verdeutlichend wirken können, wenn sie ganz auf die von Böll noch nicht eindeutig genug artikulierte Intention gesetzt hätte, wenn sie das Gegenbild zu den realen Abläufen, Bölls fordernde Imagination von Treue, Glauben, Unschuld rigoros pointiert hätte. Der Regisseur Klaus Wagner hat dies alles, in einem mediokren Bühnenbild, gänzlich an den Rand der Szene gedrängt. Man sah in Aachen ein etwas dubioses Kriminalstück mit klerikalem Touch, bemüht inszeniert.

Es wäre schade, wenn „Aussatz“, seiner offenkundigen Mängel zum Trotz, nicht nachgespielt würde. Und nicht nur, weil das Stück den kirchlichen Opportunismus, all das geläufige klerikale Taktieren und Jonglieren gelegentlich mit Klartext angeht. Was Böll hier gesehen hat, das Gegenspiel erstarrender Strukturen, eines fast zynischen Besitzdenkens einerseits, der radikalen Forderung von Glaube, Liebe, Treue andererseits auch in der Kirche, ist ein Thema von äußerster Brisanz. Eine andere Inszenierung könnte es in diesem Stück noch immer zum Vorschein bringen.

Heinrich Vormweg