Von Helmut Schneider

Die Pariser Bibliotheque Nationale ist heute stolze Besitzerin einiger Mappen mit Architekturentwürfen, die länger als ein Jahrhundert katalogisiertem Vergessen anheimgefallen waren: Emil Kaufmann, der die unbeachteten Belege einer weitgehend Papier gebliebenen schillernden Zukunft um 1930 wieder ans Licht holte, bezeichnete die in diesen Plänen und Visionen konkretisierten Überlegungen als Projekte einer "Revolutionsarchitektur". Die Blätter enthalten die Grammatik eines Neuen Bauens, entworfen gegen Ende des 18. Jahrhunderts – Etienne-Louis Boullée (1728–1799) und Claude-Nicolas Ledoux (1736– 1806) waren die Propheten der Architektur im Zeitalter der Vernunft.

Die Ausstellung "Revolutionsarchitektur" – von der Baden-Badener Kunsthalle organisiert und mit einem exzellenten Katalog versehen (bis zum 22. November); sie geht anschließend auf Deutschlandtournee – ist vielleicht nicht sehr glanzvoll (Architekturzeichnungen und -Stiche entwickeln weniger "Charme" als Handzeichnungen), dafür aber faszinierend. Sie legt die Wurzeln eines "internationalen Stils" frei, der während der letzten 180 Jahre wichtige Bereiche des repräsentativen Baudenkens bestimmt hat.

Ohne Schwierigkeiten erkennt man in der architektonischen Konzeption von Totalitarismen jeglicher Couleur Reflexe der "revolutionären" Monumentalpläne (Adolf Max Vogt hat vor kurzem die Zusammenhänge zwischen Boullée und Speer, dem Chefarchitekten Hitlers, aufgedeckt). Darüber hinaus nimmt der schärfer gewordene Blick weitere aufschlußreiche Filiationen und Querverbindungen wahr: Von Boullée führt ein ziemlich gerader Weg zu Gilly, dem Exponenten des preußischen Staatsklassizismus, und zum Tannenbergdenkmal, ein anderer von Ledoux’ Idealstadt zu Krupps Arbeiter-Kolonien.

Eigenartigerweise gibt es anscheinend keine Staatsform, die bei den ihr angemessenen offiziellen Bauwerken die in den Entwürfen der beiden Architekten vorgezeichnete Linie verlassen hätte: Das Capitol in Washington (begonnen 1793), die "Kathedrale" der jungen Demokratie, variiert Boullées Vorschlag, eine Metropolitankirche in Form eines kuppelüberwölbten Zentralbaues zu errichten, Leonidows "Lenin-Institut" (seinerseits Utopie geblieben) stellt eine Weiterentwicklung von Boullées und Ledoux’ Kugelgebäudeprojekten dar: Das architektonische Abbild des Kosmos wird zu einem Zeichen irdischer Glückserwartung.

Die Tatsache, daß sich das formale Repertoire für jeglichen ideologischen Zweck verfügbar machen läßt, darf nicht zu der Annahme führen, daß die Sprache der Revolutionsarchitektur an sich neutral und auf die Absicht der Entwerfer bezogen ohne spezifische weltanschauliche Funktion sei. Genau umgekehrt liegt die Begründung ihrer allgemeinen Brauchbarkeit eben darin, daß in ihr eine ideologische Prämisse festumrissene Gestalt gewinnt, ohne die keine der noch so verschiedenen modernen Staatsideen denkbar ist: die Gesellschaftstheorie der Aufklärung.

Boullees Pläne, meist unter Verzicht auf das atmosphärisch wichtige Ambiente entworfen, sind Projektionen eines "esprit des lois", der sich in geometrisch verfestigten Baukörpern niederschlägt. Seine Gebäude erscheinen als architektonischer Ausdruck eines einseitig etatistisch interpretierten "contrat social": Monumente der Staatsräson. Aus den ungeheuren Proportionen der Entwürfe, die jedes realisierbare Maß übersteigen, spricht der Totalitätsanspruch des anonymen Staatsleviathans – es nimmt daher nicht wunder, daß die menschliche Staffage im Vergleich mit der Architektur kaum mehr als Amöbengröße besitzt.