Von Joachim Matzner

Berlin feiert seine Feste, wie es sie fallen läßt. Zwei Jahrzehnte zwar existieren die Fest-Folgen bereits, aber Alter schützt nicht vor wie Folgen fehlender Konzeption. So etwas wie einspielen hat das Berliner Festival sich nicht einspielen können. Jedesmal von neuem willfindet man seinen Beginn als einigermaßen willkürlichen Hebelzug an der Maschinerie des Kulturbetriebs. Festlichkeit – oder das, was sie erzeugen soll – wird schlicht in Gang gesetzt.

Im musikalischen Bereich waren es diesmal kaum mehr als zwei Veranstaltungen, die einiges Profil zeigten – allerdings fanden sie nur zur Festwochenzeit statt, sonst hatten sie nichts mit ihnen zu tun: Wolfgang Burdes „Arbeitstage für Musik“, vor allem vom einschlägigen Professoren-Duo Dahlhaus-Stephan mit seminaristischer Diskussion zum Thema „Komposition und Improvisation“ versorgt, und die „Internationale Begegnung für Jugendorchester“ der Herbert-von-Karajan-Stiftung.

Auch anderes am Rande war wesentlicher als vieles des offiziell Festivalischen. So hatte etwa der philharmonische Konzertmeister Michel Schwalbe eine Gruppe japanischer Kinder nach Berlin geholt; sie demonstrierten die Ergebnisse eines so zwänglosen wie effektiven musikalischen Erziehungssystems, das auch europäischen Musikpädagogen maßgeblich werden könnte.

Japanisches fand sich zudem in den zahlreichen Abenden und Nächten mit zeitgenössischen Kompositionen, deren stilistische Skala sich von Cathy Berberians „Stripsody“ über Ligeti-, Penderecki- oder Cerha-Stücke bis hin zu Henzes cubanoiden Neuerscheinungen und Aaron Coplands flott altväterlicher Moderne erstreckte. Und ein Japaner war es, der eine der exzessivsten Publikumsreaktionen hervorrief: Als Seiji Ozawa orgiastisch, doch im Grunde bilderbogenhaft undramatisch Berlioz’ „Symphonie fantastique“ zu hitzigem Ende brachte, kündeten die Verzückungsschreie der Zuhörer von einer Sinnenfreude, die in ihrer Verbrämung durch die alte Chiffre „Kunstbeflissenheit“ keineswegs sympathischer wirkte als etwa unumwundenes Vergnügen an Pornoliteratur und -theater gegenwärtiger Machart.

Überhaupt die Dirigenten. Solange die Festwochen nicht mit Ideen werben können, werben vor allem die Dirigentennamen. Sie sind es noch immer, die Festlichkeit bewährten hierarchischen Zuschnitts verbürgen und als deren Träger zu Identifikationsobjekten autoritätsgerichteter Wünsche taugen.

Daß nun gerade Ozawa mit seiner unphantastisch brisanten „Fantastique“-Aufführung derart erfolgreich war, ein Dirigent von Format wie Josef Krips dagegen nicht viel mehr als freundliche Resonanz hatte, mag jedoch darauf deuten, daß die Ära der Maestri sich dem Ende neigt, daß nun auch vorm Orchester nur noch der augenblicksgebundene Akteur gilt, der kaum mehr – das aber um so heftiger – vorführt als Gestisches an der Musik und an sich selbst.