Der Kohlenstoff, Grundlage allen organischen Lebens und unzähliger synthetischer Verbindungen, kommt in der Natur in reiner Form nur als Diamant und als Graphit vor: jener das härteste Mineral überhaupt, in vulkanischen Explosionsschloten entstanden, dieser grau und blättrig, eines der weichsten Mineralien und im Gegensatz zum Diamant nur selten kristallisiert anzutreffen.

Die beiden Modifikationen ein- und desselben Stoffes lassen sich ineinander umwandeln. Der Diamant wird zu Graphit, wenn man ihn unter Luftabschluß erhitzt, und aus dem Graphit kann man seit fünfzehn Jahren mit Hilfe von Druck und Hitze Diamanten herstellen. Eine dritte, amorphe Erscheinungsform des Kohlenstoffs ist der Ruß, der sich bei unvollkommener Verbrennung kohlenstoffhaltiger Substanzen bildet und aus winzigen Kügelchen besteht, die sich zu Ketten und Knäueln zusammenballen.

Bei allen drei Kohlenstoff-Modifikationen hat es in der letzten Zeit Neuigkeiten gegeben: eine bisher unbekannte Kristallform des Diamanten, eine neue Art von Graphit und neuartige Verfahren und Ergebnisse bei der künstlichen Herstellung amorphen Kohlenstoffs.

Der Diamant kristallisiert im kubischen System, als Würfel, Oktaeder oder Dodekaeder. Vor drei Jahren gelang jedoch amerikanischen Wissenschaftlern die Herstellung eines künstlichen Diamanten, der eine andere Bauform aufwies. Er bildete Kristalle im hexagonalen System mit einer Hauptachse und drei darauf senkrecht stehenden gleichwertigen Nebenachsen, die als Grundfläche ein Sechseck (statt, wie im kubischen System, ein Viereck) ergeben.

Wenn man aber gemeint hatte, damit eine „neue“ Erscheinungsform des Diamanten geschaffen zu haben, so erwies sich das schon wenig später als Irrtum: Die hexagonale Modifikation fand sich nämlich in dem Eisenmeteoriten, den man 1891 im Canon Diablo entdeckt hat. Der hexagonale Diamant erhielt den Namen Lonsdaleit, und die nähere Untersuchung der meteoritischen Proben führte zu dem Schluß, daß er wahrscheinlich aus dem (ebenfalls hexagonal kristallisierenden) Graphit unter dem Druck der Stoßwellen beim Auftreffen des Meteoriten an die Erde entstanden ist.

Solche Mineral-Modifikationen, die ihre Entstehung einer Stoßwelle verdanken, sind auch von einem anderen Ort bekannt. Im Nördlinjer Ries, jenem großen süddeutschen Kessel, der heute mit Sicherheit als Meteorkrater gedeutet werden kann, fanden sich Erscheinungsformen des Quarzes, die nur auf diese Weise entstanden sein können. Es lag also nahe, in den Gesteinen des Nördlinger Ries, zu denen auch graphitführende Gneise gehören, nach dem Londsdaleit zu suchen, der hier aus dem Graphit entstanden sein könnte.

Ahmed El Goresy vom Max-Planck-Institut für Kernphysik in Heidelberg widmete sich dieser Suche. Was er fand, war freilich nicht der hexagonale Diamant, sondern eine weitere Kohlenstoff-Modifikation. Der Gneis des Nördlinger Ries ist an manchen Stellen zu einem Gesteinsglas verschmolzen, in dem sich winzige Graphitkristalle gebildet haben. Es erwies sich, daß diese Kristalle lamellenförmig aufgebaut sind, und zwar derart, daß jeweils graue Graphit-Lamellen mit Partien eines weißen, glänzenden Minerals abwechseln. El Goresy löste einige Kilogramm des Gesteins in Flußsäure, wobei die meisten Bestandteile in Lösung gehen und, unter anderem, der Graphit zurückbleibt. Aus dem Rückstand isolierte El Goresy ein Graphitkorn, das einen verhältnismäßig hohen Anteil jenes weißen Minerals enthielt. Die Analyse zeigte, daß es sich um nahezu reinen Kohlenstoff handelte, daß aber alle optischen und röntgenographischen Daten weder zu den bisher bekannten Graphitarten noch zu dem eigentlich gesuchten hexagonalen Diamanten paßten: Es handelte sich um eine neue Kohlenstoff-Modifikation, die nach dem amerikanischen Ries-Forscher E. C. T. Chao den Namen Chaoit erhielt.