Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, Im Oktober

Die zur Staatsbürgerkunde nach Bonn geholten Besucher, die dank wesentlich vermehrter Reisekostenzuschüsse in immer stärkeren Prozessionen kreuz und quer durchs Bundesviertel ziehen, halten nach der Krise Ausschau. Aber die Krise ist nicht zu sehen. Sie haust vorläufig nur in verschwiegenen Beratungen; sie nimmt fürs erste nur in den Gerüchten Gestalt an, die durch das Parlamentsgebäude geistern; sie ist die Dritte im Bunde, wenn zwei Politiker in einer abgelegenen Ecke miteinander flüstern. Die Krise schleicht, aber sie galoppiert noch nicht.

Nach außen dringen nur lautstarke Erklärungen, dazu bestimmt, den Nervenkrieg anzuheizen oder den eigenen Gefolgsleuten, wie die neueste Bonner Parole, martialisch genug, lautet, „Zement einzugießen“. Kein Tag, an dem Rainer Barzel der Regierung nicht das drohende Fiasko vor Augen hielte; kein Tag, an dem die sozialliberale Koalition nicht sich und dem Publikum versicherte, nun, nachdem man des Ballasts der unsicheren Kantonisten bei der FDP ledig sei, könne man eigentlich erst richtig anfangen.

Jedem, der es hören will, gibt Herbert Wehner mit grimmiger Inbrunst zu wissen, daß die SPD in den kommenden Wochen und Monaten von der Partei- und Fraktionsführung „bis zum letzten Mitglied“ alles tun werde, um einen Rückfall in die Restauration zu verhindern. Und bei den Freien Demokraten schwört man Stein und Bein, auf jene 28, auf die die Bundestagsfraktion geschrumpft ist, sei nun wirklich Verlaß. Aber gleich um die Ecke stehen Abgesandte der Union und sagen hinter vorgehaltener Hand: Bis zum Jahresende kommt noch einer, vielleicht kommen sogar zwei.

Namen werden gehandelt, aber natürlich will keiner dieser Propheten die Namen verraten. Doch sind die Andeutungen nicht gerade durch Tatsachen belegt worden? Siegfried Zoglmann war ein klarer Fall, aber auch Mende und Starke sind gegangen, obwohl es bis zuletzt den Anschein hatte, als ob sie trotz aller Skrupel bei der Fahne bleiben würden. So ehern und unumstößlich, wie sie nach außen hin zur Schau getragen werden, sind die Entschlossenheit und Zuversicht der Koalition nicht. In Bonn blicken die meisten ziemlich fassungslos auf einen Kanzler und einen Außenminister, die den Widerstand gegen ihre Politik als eine regelrechte Verschwörung hinstellen und von einem „Anschlag“ auf die Regierung sprechen.

Die Nervosität der Herrschenden äußert sich auch in Beiläufigkeiten. Wohl ist es mehr ironisch als ernst gemeint, wenn in diesen Tagen in Bonn manche Verabredungen mit der Bemerkung getroffen werden, man sollte sich doch noch einmal sehen, bevor sich vielleicht alles wieder ändere. Aber ein Quentchen Unsicherheit steckt doch dahinter. Und zur Unsicherheit im Regierungslager trägt auch bei, daß, zumal Abgeordnete aus Hessen und Bayern, wo der Wahlkampf im vollen Gange ist, mit wachsender Konsternation berichten, wie sehr sie in den Versammlungen nicht nur zum Thema Löhne und Preise, sondern auch zur Änderung des Scheidungsrechts und zur Freigabe der Pornographie hergenommen würden. Warum denn solche Reformen ausgerechnet jetzt betrieben werden müßten? Diese ebenso kleinlaute wie vorwurfsvolle Frage wird den Experten in den Koalitionsfraktionen immer häufiger gestellt.