Von Mario Szenessy

Der jüdisch-ungarische Dichter Andor Endre Gelleri, den man seinem Aussehen nach eher für einen jovialen katholischen Priester oder einen dicken Metzgergesellen hätte halten können, gehört zu jenen – wenigen – ungarischen Klassikern, die in ihrem Lande heute noch eifrig gelesen werden: Mehr noch, er ist der einzige unter ihnen, dessen Prosa, fünfundzwanzig Jahre nach seinem Tod, in mancher Hinsicht moderner wirkt als die Werke der heutigen ungarischen Poeten. Sie. enthält – und das keineswegs von einer Theorie untermauert, sondern aus der Spontaneität eines eigenwilligen Dichtertalents – manche Elemente des Surrealismus und des magisch-phantastischen Realismus. Es gibt in ihr keine Grenze zwischen Wirklichkeit, Traum, Illusion und Vision, das Alltägliche und Normale geht ohne wahrnehmbare Grenzlinien in das Skurrile, Ungeheuerliche und Makabre über.

Außer zwei Romanen („Großwäscherei Phönix“ – in der DDR bereits erschienen – sowie „Die Geschichte eines Selbstbewußtseins“) schrieb Gelleri vornehmlich Novellen; sie füllen zwei Bände, insgesamt 800 Seiten. Der Suhrkamp Verlag legt uns eine kleine Auswahl vor –

A. E. Gelléri: „B. und andere Prosa“, aus dem Ungarischen von Barbara Frischmuth; Bibliothek Suhrkamp 237, Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 188 S., 6,80 DM.

Gelleris Helden sind zumeist Einzelgänger aus den Vorstädten Budapests, sie sind nicht ganz richtig im Kopf, doch voller praller Lebensfreude und überschäumenden Humors, voller Genußbereitschaft und draufgängerischer Heiterkeit, unerschöpflich im Flunkern und in der Großtuerei, unersättlich, wenn es um Frauen geht, trink- und wetterfest, ja mitunter mit den Kräften von Riesen ausgestattet.

Einer seiner öfter wiederkehrenden Helden zum Beispiel verdient seinen Lebensunterhalt mit Hilfe eines kleinen Glashammers er repariert mit ihm für einen Fünfer bockig gewordene Taxis: „Und ich zog meinen Mantel aus wie ein Professor, dann nahm ich meinen Glashammer, wie ein chinesischer Zauberer, und dort, wo die Seele des Motors pochte, in der Kompression, fing ich an, das zu Gas gewordene stinkende Benzingemisch fein zu beklopfen. Ich sagte dem Chauffeur: Das ist nur Gas, aber krummes Gas! Das ist eine Angewohnheit unseres Benzingemischs, bitte, daß es sich krümmt und onduliertes Gas gibt. Und das ondulierte Gas explodiert nicht geradeaus, sondern hin und her und auf und ab, und dementsprechend rüttelt es auch den Motor durcheinander Und nach der Klopfreparatur mit dem Glashammer“: „Schalten Sie, na, jetzt los! Na, jetzt können Sie ihn bis zum Mond laufen lassen! Für einen ganzen Tag garantiere ich! – Und glatt, als wäre der Motor eine Schlange, die ich gebannt hatte, fing das Auto zu fahren an, lief, wendete. Gerade war in ihm das Gas, und gerade würde es darin bis morgen bleiben.“

Die Auswahl ist insofern anfechtbar, als sich die übersetzten Erzählungen auf das Flüchtige, mit einigen Worten Skizzierte – und freilich mit großer Präzision Getroffene – beschränken, dafür aber die größeren epischen Gebilde, die ausführlicheren Charakterzeichnungen, die langwierigen Schilderungen von Entwicklungen meiden.