Der Bildungsbericht, über den am Mittwoch der Bundestag debattierte, ist eine Perle, die bisher unter Preis verschleudert wurde, gerade so, als stünden der Regierung auf dem Gebiete der "inneren Reformen" Schmuckstücke en gros zur Auswahl. Das mag zum einen Teil an der mangelhaften Öffentlichkeitsarbeit des Ministeriums für Bildung und Wissenschaft liegen, das sich als Richtschnur des Handelns nach außen offenbar Minister Leussinks Wort zu eigen gemacht hat: Die Vernunft setzt sich von selber durch. Zum anderen Teil hängt das laue Echo aber auch mit der in allen Parteien anzutreffenden Meinung zusammen, daß Bildung kein Streitthema mehr sei, sondern nur noch ein Geschäft für Experten.

Diese Einengung des Themas hatte schon ihre Folgen: Ehe noch in einer breiten Öffentlichkeit darüber diskutiert wurde, was denn mit der ersten Schul- und Hochschulreform dieses Jahrhunderts in diesem Teil Deutschlands (die DDR hat im Bereich der Hochschule schon die dritte Reform bewältigt) erreicht werden soll, wurde der große Reformplan in Windeseile auf die ebenso einleuchtende wie einfache Frage reduziert: Können wir das überhaupt bezahlen? Sind die Quantitätsmodelle, die der Bildungsbericht als Zielvorstellungen propagiert – eine Million Studenten für hundert Milliarden Mark im Jahre 1980 – nicht viel zu luxuriös?

Nicht zur einzigen, aber zu einer wichtigen Antwort auf diese Frage verhilft ein Blick über die Grenzen: Wenn die Bundesrepublik im Jahre 1980 wirklich sechs bis sieben Prozent ihres Bruttosozialproduktes für Bildung ausgeben würde (heute sind es 3,4 Prozent), dann hätte sie erst den Prozentsatz erreicht, den Großbritannien, Frankreich oder Schweden für den gleichen Zweck schon heute aufwenden.

Die hundert Milliarden Mark, die so schrecken, verraten eher den Nachholbedarf der Bundesrepublik als ein unerlaubtes Luxusstreben. Darüber gibt der Bildungsbericht eindrucksvoll Auskunft. Daß die Milliarden aufgebracht werden können, haben die Finanzstrategen längst ausgerechnet – allerdings unter Zurückstellung anderer Reformen. Die Frage kann also nur heißen, ob wir das bezahlen wollen.

Nina Grunenberg