Von Hansjakob Stehle

Sein Name hat ein Stück Zeitgeschichte gemacht, auch wenn der Plan, nach Adam Rapacki benannt, ein Gemeinschaftswerk polnischer Diplomaten war, von denen heute nur noch einer am Werk ist: Josef Winiewicz, der den Kommunisten damals am fernsten stand und heute Wortführer Gomulkas bei den Verhandlungen mit Bonn ist.

Adam Rapacki ist der einzige kommunistische Außenpolitiker, der im Schatten Moskaus ein eigenes Profil zu entwickeln vermochte. Vom Vater her mit sozialdemokratischem Erbteil versehen, verschrieb er sich nach 1945 bald ganz der Partei, deren Alleinherrschaft er als unabwendbar erkannt hatte. Er war zu vornehm und zu skeptisch gegenüber etablierter Macht, um sich ihrer kühl und skrupellos zu bedienen, aber er war auch nicht stark genug, um von ihr Distanz zu halten. Nur eine Ausnahmesituation wie jene nach 1956, als die Konturen der Innen- und Außenpolitik Polens weicher wurden, gab dem patriotischen Engagement eines Mannes von seinem Zuschnitt eine Chance.

Ehe er jetzt, kaum über sechzig, müde und bitter, nach mehreren Infarkten auch mit physisch gebrochenem Herzen starb, haben den Außenminister Rapacki schwere politische Enttäuschungen getroffen. Die eine entsprang dem Unverstand, mit dem der Westen, zumal die Bundesrepublik, auf die Signale reagierte, die er von 1957 bis 1962 unverdrossen immer wieder gab. Das Projekt einer atomwaffenfreien Zone, das in jenen Jahren dreimal verbessert wurde, ist teilweise schließlich in den Atomsperrvertrag eingegangen. Der Gedanke, die Sicherheit in Europa auch durch Begrenzung der konventionellen Rüstung zu erhöhen, war seit Ende 1958 in den Rapacki-Plan eingebaut und ist seitdem nie mehr von der Tagesordnung aller Entspannungsbemühungen verschwunden.

Doch das, worum es Rapacki eigentlich ging, ist in Bonn erst zehn Jahre später, zu spät, verstanden worden. Er wollte Europas Teilung überwinden, wollte Mittel- und Osteuropas "militärische Bedeutung vermindern" und so auch Deutschlands Wiedervereinigung ermöglichen. Sie hielt er trotz allen Unbehagens, das er als Pole dabei verspürte, für "die Bedingung einer völligen Normalisierung der europäischen Verhältnisse" (Vortrag in Oslo am 31. Oktober 1958).

In der Adenauer-Ära wurde Rapacki nicht einmal einer Antwort gewürdigt. Diese Taubheit des wichtigsten Partners polnischer Westpolitik hat Rapacki auch menschlich getroffen. Sie hat ihn, wie ich aus vielen Gesprächen weiß, so verbittert, daß er nicht mehr imstande war, den Wandel zu erkennen, der sich in Bonn schon unter Kiesinger-Brandt anbahnte. Eine seiner letzten Amtshandlungen war es im Februar 1968, einen diplomatischen Bericht über ein wegweisendes Sondierungsgespräch mit einem hohen Bonner Diplomaten ins Archiv zu schicken statt an seine Kollegen im Politbüro – ein Ausdruck verzweifelten Enttäuschung, die ihn angesichts des Machtkampfes überkam, dessen irrationale Strudel die polnischen Kommunisten ab März 1968 entfesselten. Die Partei, in der sich Rapacki nie eine Hausmacht aufgebaut hatte, drängte mit demagogischen Mitteln zum Figuren- und Generationswechsel. Da ihm der Anstand selbst gegenüber unfähigen Mitarbeitern mehr galt als politische Taktik und Opportunität, ging er lieber selbst, bevor er andere in die wüste geschickt hätte. Als ich im November 1968 während des Parteikongresses zum letztenmal mit ihm sprach, sah er innenpolitisch wie außenpolitisch nur noch Gründe zu endgültiger Resignation.

Der Gedanke, daß Ost und West sich vom Schock der CSSR-Intervention erholen könnten, und daß Gomulka im Mai 1969 – noch ehe Brandt Kanzler war – seine Deutschlandpolitik modifizieren könnte, erschien Rapacki auch dann noch schwer begreiflich, als es schon geschehen war. Er hatte nie wahrhaben wollen, daß Geschichte auch auf krummen Zeilen gerade schreiben kann. Gleichwohl ist das, was nun im November zwischen Bonn und Warschau besiegelt werden soll, auch sein Vermächtnis.