Seit mehr als einer Generation haben weder Großbritannien noch die Vereinigten Staaten die Massenarbeitslosigkeit, verwaisten Fabriken, Konkurse, Hypothekenentwertungen und die weitverbreitete, tiefe Hoffnungslosigkeit zu verzeichnen gehabt, die einst zu den üblichen Begleiterscheinungen der offenbar unvermeidlichen Zyklen wirtschaftlicher Depressionen zählten. Für die Mehrheit aller Amerikaner und Briten unter vierzig ist die große Depression von 1929 bis 1933 nicht so sehr eine schmerzliche persönliche Erfahrung oder gar ein Modell ähnlicher Ereignisse in der Zukunft als vielmehr ein abgeschlossenes Kapitel der Geschichte.

Das Wort Depression selbst ist aus der Umgangssprache so gut wie verschwunden und weitgehend auch schon aus dem Fachwörterbuch des Nationalökonomen. An seine Stelle ist der Begriff Rezession getreten, und die meisten Leute verlassen sich darauf, daß solche Rezessionen kurz, harmlos und selten sind.

Unsere Erwartungen pflegen sich auf unsere jüngsten Erfahrungen zu gründen. Die meisten von uns sind im Verlauf ihres Berufslebens in den Genuß ununterbrochener Beschäftigung, ste > tigen Aufstiegs, erfreulicher Einkommenssteigerungen, größerer Wohnungen und Autos, ausgedehnter "Urläubsreiseh in ferne Länder und vielseitig gestalteter Freizeit gekommen. Die amerikanischen Geschäftsleute ihrerseits haben sich daran gewöhnt, davon auszugehen, daß jeder Jahresumsatz den des Vorjahres übertrifft und jede neue Bilanz ein noch erfreulicheres Bild von Dividenden und Gewinnen als die vorangegangene zeigt.

Alljährlich werden alte Wirtschaftsrekorde überboten. Und im gleichen Maße, in dem die Bevölkerung zunimmt und ihr durchschnittlicher Lebensstandard steigt, steigern die Hersteller aller möglichen Waren vom Babyöl bis hin zu Särgen ihre Investitionen in neue Maschinen und neue Fabriken, in Forschung und Entwicklung, um Nachfrage und Produktion noch stärker anzuregen. Diese Spekulation auf künftige Märkte gibt an sich schon dem Wirtschaftswachstum, mächtige Impulse. Sie stellt eine wichtige Komponente der Gesamtnachfrage und ein wesentliches Element des wirtschaftlichen Wachstums dar, das heute von Staat, Wirtschaft und Bürgern schon fast als selbstverständlich erachtet wird.

Das freundliche Wirtschaftsklima der sechziger Jahre erlaubte es den US Steuerbehörden, aus dem steigenden Bruttosozialprodukt, das 1970 1zweifellos die Ein BÜlionen Grenze überschreiten wird, Jahr um Jahr zusätzlich etwa sieben Milliarden Dollar zu kassieren. Das hat die in jeder Dekade amtierenden Präsidenten und Kongreßabgeordneten in die angenehme Lage versetzt, mit einem ganzen Katalog verschiedenartiger Steuerermäßigungungen, Subventionen für BundesstaaStaaten und Städte und dem Ausbau der Sozialleistungen zu jonglieren. Natürlich konnte auch im wirtschaftlichen Bereich der Himmel auf Erden nichtverwirklicht werden. Die Liste noch immer bestehender nationaler Mißstände ist keineswegs auf Null zusammengeschrumpft.

Selbst im wohlhabenden Amerika gibt es noch 40 Millionen Arme, und die Slums einiger amerikanischer Städte stehen denen von Kalkutta oder Caracas in nichts nach. Obgleich nur jeder zwanzigste oder gar fünfundzwanzigste Berufstätige von der Arbeitslosigkeit betroffen wird, nimmt sie in städtischen Negergettos und rückständigen ländlichen Gebieten noch immer erschreckende Formen an.

Die bevorstehende und zum Teil bereits verwirklichte Automation zwingt uns dazu, unser Bildungssystem, unsere Arbeitslosenversorgung und den Begriff "Arbeit" selbst neu zu überdenken. Verschmutzte Flüsse, riesige Autofriedhöfe und haushohe Reklametafeln an den Autostraßen stimmen, was "America the Beautiful" und seine Wirklichkeit betrifft, doch sehr nachdenklich. Diese Liste ließe sich mühelos verlängern, aber darum geht es nicht; entscheidend dürfte vielmehr sein, daß keines dieser Probleme neu ist. Das eigentlich Neue an unserer heutigen Auffassung von wirtschaftlicher Notwendigkeit, ihre Abkehr von der Vergangenheit, besteht darin, daß sie diese hartnäckigen Schandflecke auf dem Gesicht der Wohlstandsgesellschaft so deutlich sichtbar werden läßt. Jetzt, da der traurige Zyklus von Boom und Baisse als gezähmt gelten darf und viele Amerikaner nicht nur die Mittel, sondern auch den Willen haben, alle Schichten der Gesellschaft an den Annehmlichkeiten des Wohlstands teilhaben zu lassen, werden auch an die Sozialpolitik neue Anforderungen gestellt. Ob die Amerikaner den Überfluß tatsächlich dazu verwenden werden, die Armut zu beseitigen und eine vielfach noch rüde und kraß materiell orientierte Zivilisation in echte Kultur zu verwandeln, wird sich möglicherweise als der Prüfstein unserer Generation erweisen. Daß diese Frage Vorrang genießt, hängt — das muß an dieser Stelle noch einmal betont werden — mit der Bändigung des einst so gnadenlosen Wirtschaftszyklus und der neuen Chance Amerikas zusammen, sich mit den Problemenseiner natürlichen wie auch seiner großstädtischen Umwelt auseinanderzusetzen Das stellt einen beträchtlichen Fortschritt dar, der seinerseits auf einer großen Leistung beruht. Was ist geschehen, um die Bürger hochentwickelter Länder vor der Arbeitslosigkeit und dem Elend der Depression zu, bewahren? Iß der Politik, vor allen Dingen in der Haushaltspolitik, ist ein Wandel eingetreten. Der Unterschied zwischen der alten und der neuen WirtschaftsPolitik besteht darin, daß man den Bundeshaushalt ehedem als ein heiliges Evangelium und als Selbstzweck betrachtete, während heute vermittels moderner Analysen Besteuerung und Staatsausgaben zu einem technischen Instrumentarium staatlicher Lenkung geworden sind.