Das Schwert ist Euch auf dem Halse; noch meint Ihr, Ihr sitzt fest im Sattel... Es sind nicht Bauern, die sich wider Euch setzen, Gott ist’s selber!“ Welch gewaltige Drohung! „Das Wort Gottes ist Schwert, ist Krieg, ist Zerstörung, ist Ärgernis, ist Gift!“

Kein Vietcong, kein Guerillero im Priestergewand – nein, Martin Luther war’s, der so revolutionär daherredete. Sein Appell drang durch die deutschen Lande und half den Aufruhr schüren (den er gar nicht wollte). Seitdem sind die deutschen Lutheraner zahm geworden – heute, wo es um andere aufständische Bauern geht: die Reisbauern in Vietnam, die Eingeborenen in Südafrika, die Indios in Bolivien. Die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands jedenfalls wird den Freiheitskämpfern in Rhodesien, in Portugiesisch-Ostafrika und in der Südafrikanischen Union kein Geld zukommen lassen. Einstimmig hat es die Generalsynode in Eutin beschlossen.

Eine tiefe Kluft hat sich aufgetan zwischen dem deutschen Luthertum und der Ökumene in Genf, dem protestantischen Weltparlament. Immerhin hatte der Zentralausschuß der Ökumene schon im letzten Jahr den Kirchen nahegelegt, sie sollten „auf jeden Fall“ Widerstandsbewegungen und Revolutionen gegen den Rassismus, gegen seine politische und wirtschaftliche Tyrannei unterstützen. Und vor einem Monat wurde der ökumenische Rat in der beschaulichen Idylle von Arnoldshain zum Täter des Wortes: 19 Organisationen, die in der Dritten Welt für die Gleichberechtigung der Rassen kämpfen, sollten insgesamt 200 000 Dollar erhalten, aufgeteilt in Zuschüsse von 2000 bis 20 000 Dollar. Darüber wäre weiter kein Wort zu verlieren gewesen, denn die Kirchen, zumindest in der weißen Welt, sind sich einig: „Rassendiskriminierung ist Sünde“ (Bischof Wölber). Aber zu den Empfängern des Kirchengeldes sollten auch Gruppen gehören, die Gewalt auf ihre Fahnen geschrieben haben: „Frelimo“ (die Befreiungsfront von Mosambik), „Swapo“ (die südwestafrikanische Volksbewegung), der „Afrikanische Nationalkongreß“, die „Zimbabwe (Rhodesien) Afrikanische Nationalunion“, die „Revolutionsregierung von Angola im Exil“.

Arnoldshain wurde zum Fanal des Aufstandes – nicht der Farbigen, sondern der deutschen Protestanten, denen ein Opfer von etwa 350 000 Mark ökumenisch auferlegt war. Hans Georg von Studnitz empörte sich in der Welt am Sonntag, daß nicht nur „deutsche Arbeitergroschen“, sondern auch noch „Kirchensteuergelder“ „an afrikanische Freischärler“ abgeführt werden sollten. Der Ratsvorsitzende der EKD, der lutherisch-bayerische Bischof Dietzfelbinger, unterbreitete die Sorgen seiner Steuerzahler dem ökumenischen Rat. „In weiten Kreisen“ herrsche „außerordentliche Unruhe“, anscheinend nicht nur bei Rentnerinnen, die ihr Almosen gutgläubig dem Klingelbeutel anvertrauen, sondern auch bei den Schäflein mit hohem Steuersatz: „Manche Glieder der Kirche, besonders solche, die die Verhältnisse in der Dritten Welt kennen, überlegen sich, ob sie unter diesen Umständen weiterhin der Kirche angehören wollen.“

Es half nichts, daß die 19 Organisationen zusicherten, sie wollten das Geld nicht für militärische Zwecke verwenden, sondern für Rechtshilfe, für soziale und medizinische Hilfe und für Schulen. Die Kirchenleitung der Lutheraner entschied, „politische Gruppen“ sollten nicht finanziert werden. Und die Generalsynode hieß diese Entscheidung gut.

Niemand schwimmt gern gegen den Strom der Zeit, auch die Kirche nicht. Doch die Synodalen, noch eingedenk der jahrelangen ermüdenden Diskussion um den „iustum bellum“, fanden einen Ausweg, um sich einer Auseinandersetzung um die „iusta revolutio“ zu entziehen: Sie trennen – theologisch einwandfrei – säuberlich die Entscheidung des einzelnen Christen von der Entscheidung der Gesamtkirche: „Wir verkennen nicht, daß es Christen geboten sein kann, das Recht des Nächsten notfalls auch mit Gewalt zu verteidigen oder zu erkämpfen, wenn es in politischer, sozialer oder wirtschaftlicher Unterdrückung ständig mißachtet wird. Die Kirche selbst aber würde durch Anwendung von Gewalt ihrem Zeugnis widersprechen und ihre Bemühungen um Versöhnung und Frieden unglaubwürdig machen. Sie verfehlt auch ihren Auftrag, wenn sie anderen Mittel zur Verfügung stellt, die direkt oder indirekt Gewaltanwendung fördern.“

Der Leitende Bischof Wölber aus Hamburg, der sein Hauptreferat auf der Synode unter das Thema „Luthertum im Engagement“ stellte, weiß diesen Beschluß ins rechte Licht zu setzen. Mit seiner Erläuterung verliert der Beschluß etwas von der Provokation, die er auf engagierte „Theologen der Revolution“ ausüben muß: „Überall da, wo Leid entsteht, wo Wunden zu heilen und Menschen zu ernähren sind, da wollen wir es tun – auf beiden Seiten.“ Und: „Wo immer wir auch stehen, machen wir uns die Hände schmutzig. Gerade darum sollte die Kirche als Raum der Versöhnung und Vergebung erhalten bleiben.“