Ein Gespräch mit Joan Baez / Von Jutta Kamke

Plötzlich ist sie da. Sie grüßt, setzt sich, fragt hierher, nein, dorthin – in die Ecke, gut. Die Anweisung kommt vom Kameramann eines Fernsehteams. Joan Baez trägt eine weiße Bluse, rote Rose im obersten Knopfloch, einen braunen Wildlederrock, außer leichtem Lidschatten kein Make-up.

Sie fragt: „Spricht jeder Englisch?“, ist erfreut über allgemeines Kopfnicken und schlägt vor: Zuerst photographieren, dann diskutieren; Auch das Baby? Ja, bitte. Gabriel wird hereingetragen, blond, große blaue Augen, knapp ein Jahr alt. Ein Dutzend Kameras. Als das Klicken der Verschlüsse seltener wird, gibt das Baby Zeichen des Unmuts von sich. Gail, das Kindermädchen, ist mit der Milchflasche zur Hand. Protestgeschrei, als er fortgetragen wird – im Stimmumfang steht er seiner Mutter in nichts nach.

Man versammelt sich an zwei rasch zusammengestellten kleinen Tischen um Joan. Jemand reicht ihr ein Glas Orangensaft mit. Eis. Mir fällt ein, daß sie nur „soft-drinks“ trinkt, also alkoholfreie Getränke, und nicht raucht. Während des ganzen anderthalbstündigen Gesprächs im dezent verplüschten, holzvertäfelten „Palace Hotel“ herrscht ein offener „Du“-Ton.

Am Vorabend hatte sie hier in Kopenhagen ein Konzert im Tivoli gegeben, unter freiem Himmel, zwanzigtausend Zuhörer, begeistert. Sie sang alte und neue Lieder, begleitete sich wie früher allein auf der Gitarre. Zwischen den Liedern erzählte sie den Zwanzigtausend von ihrem Mann, von ihrem Sohn Gabriel, von ihrem Kampf gegen Gewalt, Nationalismus, Haß, Ausbeutung, Unterdrückung ... Das Konzert ist für sie nur noch wenn auch wichtige – Begleiterscheinung in ihrem Feldzug für den Frieden. Joan Baez läßt keine Gelegenheit aus, Ihre Mitmenschen zur Aktion aufzurufen, zur „aggressiven Gewaltlosigkeit“, wie sie es nennt, sei es in TV-Sendungen, während ihrer Konzerte, in Diskussionen mit Studenten oder in ihrer „Schule für Gewaltlosigkeit“ in Palo Alto, Kalifornien. Oder wie jetzt in diesem Gespräch.

Sie sagt: „Für mich ist klar, und ich glaube, daß wir alle hier einer Meinung sind, daß jeder, der annimmt, wir überleben dieses Jahrhundert, wenn wir so weitermachen wie bisher, nur ein Träumer oder ein unverbesserlicher Optimist sein kann.“ Und: „Früher nannte man mich eine pazifistische Folksängerin, heute bin ich ‚die Pazifistin, die Folklore singt‘.“

Am Tag der Mondlandung