Von Christian Schmidt-Häuer

Belgrad, im Oktober

An dem Tag, an dem in Kairo Gamal Abdel Nasser zu Grabe getragen wurde – der dritte aus der einstigen Quadriga der Neutralen, nach Nehru und Sukarno – zeigte Staatspräsident Tito in seinem Geburtshaus in Kumrovec dem amerikanischen Präsidenten Nixon Bilder der Erinnerung. Sie reichten von seinen Kindheitstagen bis zu den Triumphen seiner blockfreien Politik, den Konferenzen von Bandung 1955 und Belgrad 1961. Doch zwischen Erinnerung und Gegenwart hatte Tito einen Trennungsstrich gezogen. Als er nicht zur Beisetzung Nassers nach Kairo reiste, da demonstrierte er damit auch, daß Europa vorgehe. Wenige Tage später brach er auf nach Brüssel, Luxemburg und Bonn.

Die Heimkehr nach Europa bedeutet keine Abkehr von der Blockfreiheit. Tito will nur versuchen, sein Konzept vom Abbau der Blöcke vor der Auszehrung zu bewahren, die bei einer Beschränkung auf die ferne, schwache, zerstrittene Dritte Welt drohen würde. Auf der Konferenz der Blockfreien im September in Lusaka hat Tito dem keineswegs europafreundlichen Auditorium den alten Kontinent sogar als ein ermutigendes Beispiel ausgemalt: "Es gibt aber doch auch Anzeichen, die uns mit Hoffnung erfüllen, daß brennende Probleme gelöst werden ... Ein Beweis dafür kann im jüngsten Prozeß gesehen werden, der in Europa Platz greift."

Auch als er Nixon beim Gala-Diner im Belgrader Weißen Palast zutoastete, beschwor er Europa: "Die positiven Entwicklungen in Europa ebnen den Weg, um allmählich die Blöcke zu überwinden und die europäische Sicherheit auf neuen Grundlagen aufzubauen. Als ein blockfreies Land, das... für eine Politik der offenen Grenzen, für den freien Flug der Ideen und den freien Fluß der Güter eintritt, hat Jugoslawien ein lebenswichtiges Interesse an der Förderung allseitiger Kooperation zwischen allen europäischen Staaten. Titos Appell gipfelte in dem Satz: "Wir können ein festes System der Sicherheit nicht in einem geteilten Europa erreichen."

Das Reise-Programm Titos läßt die Verschiebung der außenpolitischen Akzente deutlich erkennen. Anfang des Jahres besuchte Tito für einen Monat Afrika, im September die Konferenz der Blockfreien in Lusaka. Für den Herbst war seit längerem nur ein Besuch in den Benelux-Ländern geplant. Jetzt kam die improvisierte Stippvisite nach Bonn hinzu, und schon in acht Tagen, am 23. Oktober, reist Tito nach Paris. In Jugoslawien waren inzwischen der dänische Außenminister Häftling und der französische Generalstabschef Fourquet zu Gast. Außenminister Scheel wird demnächst folgen. Auch der Vatikan, der eine Europäische Sicherheitskonferenz befürwortet, rüstet sich für den Besuch des Marschalls.

Auch kleine Gesten verschmäht Tito nicht, wenn er den "neuen Prozeß allseitiger Kooperation" demonstrieren will. Aus dem Flugzeug von Bonn nach Belgrad sandte er den österreichischen Politikern ein Grußtelegramm nach Wien – in jene Stadt, in der er vor dem Ersten Weltkrieg als Metallarbeiter und Probefahrer bei Daimler angestellt war und in deren Sprache er heute mit deutschkundigen Besuchern parliert.