Von Tilman Neudecker

Wer bislang glaubte, Viren,jene unheimlichen, verhaßten Krankheitserreger, hätten keine andere Funktion, als vielen Lebewesen das Leben schwerzumachen, wird nach Meinung des amerikanischen Forschers Norman G. Anderson seine Ansicht jetzt revidieren müssen. Denn die Viren, gegen deren heimtückische Attacken kaum eine Pflanze und praktisch kein Tier gefeit zu sein scheint und auf deren Konto auch die meisten der menschlichen Krankheiten gehen, vom Schnupfen bis möglicherweise zumindest einigen Formen von Krebs, erfüllen nach Überzeugung des Wissenschaftlers vom „Oak Ridge National Laboratory“ im US-Staat Tennessee, eine bisher unbekannte, außerordentlich wichtige Aufgabe in der Entwicklung des Lebens auf der Erde. Viren, so spekuliert der Forscher in einem brillanten Artikel der Zeitschrift „Nature“ (26. 9. 1970), treiben gewissermaßen das Rad der Evolution.

Ausgangspunkt für diese verblüffende Hypothese ist eine schon ältere Entdeckung der berühmten amerikanischen Biochemiker Joshua Lederberg und N. D. Zinder aus dem Jahre 1952, die den beiden Forschern zwar den Nobelpreis einbrachte, bislang aber mehr als molekularbiologisches Kuriosum erschien – die sogenannte Transduktion.

Hierunter verstehen die Virologen die seltsame Fähigkeit vieler Viren, Erbmaterial einer infizierten Zelle in eine andere zu übertragen, und zwar nach folgendem Mechanismus: Werden in einer Wirtszelle gegen Ende des Infektionszyklus die einzelnen Virusteilchen aus den von der Zelle produzierten „Fertigbauteilen“ (Nukleinsäurefäden und Hüllprotein) zusammengefügt, so kommt es nicht allzu selten vor, daß irrtümlicherweise zusammen mit Virusnukleinsäure auch einmal ein Stück Desoxyribonukleinsäure (DNS) der Wirtzelle – und damit ein Stück von deren Erbinformation – in ein neues Viruspartikelchen eingebaut wird. Gelingt es nun einem soeben Virus, eine neue Zelle zu infizieren, so wird diese nicht nur mit dem unerwünschten Erbmaterial des Virus, sondern darüber hinaus noch mit Genen einer fremden Zelle „beglückt“, die ihr unter Umständen zu neuen, vorteilhaften Eigenschaften verhelfen können.

Auf diese Weise lassen sich also – zumindest im Laboratorium – Erbmerkmale via Virus von einer Zelle auf eine andere übertragen.

Warum aber, so argumentiert Dr. Anderson, sollte sich die Natur nicht schon seit Urzeiten zunutze machen, was geschickte Virologen erst seit wenigen Jahren praktizieren? In der Tat könnte sich hierin ein überraschend wirksamer, bisher ungeahnter Mechanismus der Evolution verbergen: Viren als Überträger, nicht nur von Krankheiten, sondern auch von Erbinformationen.

Diese geistreiche Spekulation läßt sich mit einigen plausiblen Argumenten untermauern: