Von Horst Thiemer

In seinem neuen Roman „Jahrestage“ vergleicht Uwe Johnson die New York Times mit einer alten Tante, und zwar mit einer „aus vornehmer Familie“, welche die „guten Formen mit dem Löffel gegessen“ hat. Als ich in New York meinen Wunsch vortrug, eine Stellungnahme zu Johnsons Times-Porträt zu erhalten, wurde mir bedeutet, daß sich das mit den Grundsätzen der Zeitung (Johnson würde sagen: mit ihren Manieren) nicht vertrage – auf Polemiken gehe man nicht ein.

Ich fügte mich dieser Spielregel. Und nun durfte ich, ohne Johnson zu nennen, alle Fragen stellen, die ich beantwortet haben wollte, auch wenn sie genau die Punkte betrafen, die Johnson in seinem Roman berührt.

Mein Gesprächspartner war ein sportlich und jugendlich wirkender Mann: Seymour Topping, dem man seine zwanzigjährige Arbeit als Auslandskorrespondent in London, Moskau, China und anderswo nicht ansah. Heute ist er Assistant Managing Editor. Er beantwortete meine Fragen, weil sein Chef, Mr. Rosenthal, gerade nicht in New York war. So alt, daß hierarchische Kompetenzprobleme eine Rolle spielten, ist die New York Times also offenbar nicht, trotz ihrer annähernd hundertzwanzig Lebensjahre.

Bei Gesine Cresspahl, der Hauptfigur von Johnsons Roman, führt die eifrige Times-Lektüre zu folgender Personifizierung des Blattes: „Gesine stellt sich Alter vor, eine hagere Figur, harte Falten im Gesicht, bittere Mundschwünge, allerdings dunkle und elegante Kleidung, Beharren auf hochgesteckten Frisuren, eine verkratzte Stimme, Lächeln nur in den Augenwinkeln. Kein Jähzorn. In ihrer Haltung, wie sie die Beine hält, kokettiert sie mit ihrem Alter, es ist der Beweis für ihre Erfahrung.“

Mr. Topping bestreitet, daß seine Zeitung, die im Gegensatz zur Londoner Times nach wie vor an der Frakturschrift im Titel festhält, mit ihrem Alter kokettiere. Die Aufmachung habe sich nach und nach ergeben. Man halte zwar nichts von abrupten Veränderungen, habe jedoch gerade in letzter Zeit wesentliche Neuerungen eingeführt: die erste Seite enthalte jetzt mehr Bilder bei einem mehr waagerecht bestimmten Layout.

Johnson hat bei seinem New-York-Times-Studium festgestellt: „Sie bietet dem Leser höchstens zwei Seiten Reklame ohne eine Nachricht an (außer am Sonntag).“