Von Alexander Rost

Die Buchhalter rechnen noch. Was die Entwürfe, die Boote, die Test-, Trainings-, Qualifikation- und Entscheidungsregatten um America’s Cup in diesem Jahr gekostet haben, wird man exakt wohl nie erfahren. Gering geschätzt haben Amerikaner, Australier und Franzosen diesmal zwanzig Millionen Mark ausgegeben. Die Amerikaner, um den „Heiligen Gral des Jachtsports“, wie einer ihrer Reporter die Trophäe mit diesem wagnerhaften Wort bezeichnet hat, zum 21. Male zu verteidigen, die Australier und die Franzosen, um sie endlich aus der Vitrine im New York Yacht Club zu entführen.

Die Trophäe, eine silberne Kanne ohne Boden, steht seit 119 Jahren in New York. Sie wurde von der berühmtesten Jacht des neunzehnten Jahrhunderts gewonnen, dem Schoner „America“; und seitdem ist America’s Cup Amerikas Stolz: Symbol der Überlegenheit im Bau schneller Segelboote, Beweis dafür, daß die amerikanischen Jachtskipper die besten, die amerikanischen Jachtbesatzungen die flinkesten sind. America’s Cup ist in amerikanischer Hand geblieben. Das war das Segelsport-Ereignis der Saison.

America’s Cup, die älteste, am schärfsten und mit dem größten Aufwand an Geld und Genie umstrittene Trophäe im Segelsport, wurde in diesem Jahr zum ersten Male gleich von zwei Jachten herausgefordert. Es hatte sich angemeldet: die australische „Gretel II“; es kreuzte außer dem auf: die französische „France“. Die „France“, finanziert von einem Mann, der ein Viertel des Weltmarktes für Schreibstifte beherrscht, des Barons Marcel Birch, konnte sich in der Qualifikation gegen die australische Rivalin nicht durchsetzen. Es hatte Streit zwischen dem Eigner, dem Skipper, der Besatzung gegeben. Der Skipper wurde ausgewechselt. Der Ärger blieb. Die „France“ verlor.

Mittlerweile hatten die Amerikaner die beste von drei Jachten ermittelt, die America’s Cup nun verteidigen mußte: die „Intrepid“, die „„Unerschrockene“. Die Wettfahrten um die alte Kanne wurden aufregend wie selten zuvor; die Aufregung galt freilich zuletzt erst dem Sport. Eine Mine aus dem Zweiten Weltkrieg trieb mitten unter den Zuschauerbooten, wurde sorgsam aufgefischt und brauchte nicht gesprengt zu werden, weil sie keinen Sprengstoff mehr enthielt. Auf der „Gretel II“ war in der ersten Wettfahrt ein Mann über Bord gefallen und binnen anderthalb. Minuten wieder an Deck geholt worden. Auf der „Intrepid“ wurde der Taktiker, der im Rang dritte Mann, während der vierten Wettfahrt von einer Biene gestochen, ins Ohr oder in die Lippe; die Sensatiönchen-Meldungen in den amerikanischen Blättern widersprachen sich da. Jedenfalls mußte der Leutnant zur See Steve Van Dyck, mit einer Schwellung am Kopf von einem Hubschrauber in die Klinik transportiert werden. Keine Komplikationen; und bei der letzten Wettfahrt war er wieder dabei.

Große Aufregung löste das Schiedsgericht aus, als das Duell der Jachten eine seeschlacht-ähnliche Form angenommen hatte und die Regel zugunsten der Amerikaner ausgelegt wurde. Die „Gretel II“ hatte die „Intrepid“ gerammt; genauer gesagt: die „Intrepid“ hatte sich rammen lassen. Sie hätte ausweichen können, vielleicht sogar ausweichen müssen. Es ging daraum, ob die Boote sich noch vor oder schon nach dem Start berührt hatten. Das Schiedsgericht meinte, es sei während des Startes geschehen, und füllte mit solcher Entscheidung eine Lücke in der Wettfahrtbestimmung. Ob es gerecht war? Australiens Zeitungen, deren Leser über Nacht zu Jachtsport-Fans geworden waren, zeterten; und unter Kennern wurden Erinnerungen an amerikanischen Regelauslegungen wach, die stets äußerst penibel gehandhabt wurden, sobald America’s Cup auch nur entfernt in Gefahr geriet, von den Fremden gekapert zu werden:

Als zum Beispiel 1934 die britische „Endeavor“ immerhin zweimal gewinnen konnte, wurde einer ihrer Proteste nach einer Regelwidrigkeit der amerikanischen Jacht „Rainbow“ schon deshalb zurückgewiesen, weil die Protestflagge der Engländer nicht exakt den vorgeschriebenen Maßen entsprach. Weil das doch allzu kleinlich wirkte, erklärte man hinterher noch: die Flagge sei auch zu spät gesetzt worden. Das Schiedsgericht stellt der New York Yacht Club und nicht etwa der Internationale Segelsportverband. Eine amerikanische Zeitung schrieb damals: „Britannia rules the waves, but America waives the rules.“ Das Wortspiel verliert im Deutschen seinen Klang aber nicht seine Bedeutung: Britannia beherrscht die Wogen, aber Amerika die Regeln; und für „Bewegt“ kann man auch „verschiebt“ sagen.