Von Dieter E. Zimmer

Wo es den Technologen nicht nur darum geht, dem Lehrer Unterrichtshilfsmittel an die Hand zu geben, sondern darum, Lehrer zu sparen, gibt es zwei grundverschiedene Wege: Man erhöht den Multiplikationseffekt durch die Einbeziehung eines Massenmediums, also zum Beispiel durch die Verbreitung von Unterricht per Fernsehen; oder man berücksichtigt bereits bei der Konzeption von Lehrmaterial, daß es dazu bestimmt ist, gelernt zu werden: quasi also durch den Einbau der Unterrichtsfunktion in das Lehrmittel selbst, durch die Entwicklung „selbstunterrichtender“ Medien und Lehrsysteme.

Mit sogenannten objekthaften, also unpersönlichen Medien im Bildungsbereich hat sich die Öffentlichkeit natürlich längst abgefunden: Auch ein Lehrbuch ist ein objekthaftes Medium, auch das Fernlehrwesen (in Deutschland wegen vielfach hanebüchener Geschäftspraktiken, grober Kundenfängerei und minderwertigen Lehrmaterials zwar nicht sehr angesehen, in anderen Ländern, vor allem den sozialistischen, dagegen hochentwickelt) lehrt ohne Lehrer. Widerwillen richtet sich nur dagegen, daß heute apersonale Medien auch in die bisher allein dem Lehrer vorbehaltene Domäne eindringen.

Besonderen Widerwillen bekommt der Programmierte Unterricht (PU; oder auch PI, für Programmierte Instruktion) mit seinen diversen praktischen Konsequenzen bis hin zum Computer-Unterricht zu spüren. Es liegt wohl daran, daß er unleugbar die Schule in Richtung Lernfabrik verändert (diese Veränderung findet ohnehin statt, nur er schämt sich nicht, es zuzugeben).

Besonders unsympathisch wirkt er auf das gesunde Volksempfinden aber, weil er ein Abkömmling des Behaviorismus ist. Den Behaviorismus interessieren nur meßbare Verhaltensäußerungen – kalt und ungerührt zählt und steuert er Reaktionen, und der Mensch ist ihm dabei kein prinzipiell anderes Studienobjekt als die Ratte. Seit Jahrzehnten dressiert er Hunden, Ratten und Tauben ein diesen Tieren an sich fernliegendes Verhalten an’-und zieht aus solchen

Beobachtungen Schlüsse auch? auf menschliches Verhalten. Arthur Koestler wird nicht müde, diese ganze materialistische, ‚,rattomorphistische Psychologie“ mit Schimpf zu belegen, die mit großem Aufwand nicht mehr als ein paar irrelevante Trivialitäten zutage gefördert habe. Indessen, es sind exakt bewiesene, experimentell gesicherte Trivialitäten, und irrelevant sind sie nicht immer.

Lange hat man etwa gemutmaßt, welchen pädagogischen Wert wohl die Strafe haben mag. Gerade erst wurde an den Volksschulen Bayerns die Prügelstrafe abgeschafft. Dabei hat der Behaviorismus nachgewiesen, daß Strafen als Erziehungsmittel schlechthin sinnlos sind. Es verfängt bei allen Lebewesen nur das Gegenteil: die Belohnung, der „positive Stimulus“, in der Sprache der Verhaltenspsychologie „Verstärkung“ (reinforcement) genannt; gelernt wird, wenn erwünschtes Verhalten sofort „verstärkt“ – also bestätigt, belohnt – wird. Der „aversive Stimulus“, nämlich die Bestrafung von unerwünschten Verhaltensäußerungen, führt nur zum „Vermeidungsverhalten“: Solange die Strafe droht, wird unerwünschtes Verhalten unterdrückt, setzt die Drohung aber aus, so fällt der Lernende schnell in sein früheres Verhalten zurück. Er hat nicht wirklich gelernt.