In diesem Herbst werden viele deutschen Zeitungen 25 Jahre alt. Unter ihnen auch die liberale Berliner Tageszeitung Der Tagesspiegel. Sie wurde im September 1945 mit einer Lizenz der amerikanischen Militärregierung gegründet. Ihre Auflage liegt heute bei 94 000 Exemplaren. Der Tagesspiegel sieht sich bewußt als ein lokales Blatt. Seine Redakteure halten die alte Hauptstadt sicher nicht für den Nabel der Welt. Dennoch reagieren auch sie – wie die Mehrzahl aller Berliner – oft recht verdrossen auf Kritik an ihrer Stadt. Das Inselleben hat auch bei den Journalisten Spuren hinterlassen. Wir stellten Tagesspiegels, Chef des Lokalteils des Tagesspiegels, und Joachim Bölke, verantwortlich für Politik, ein paar Fragen:

Berlin in den letzten 25 Jahren – wie hat es sich für einen Journalisten verändert? Ist es noch ein interessantes heiße; Pflaster, eine Stadt, in der man gerne Zeitung macht? Oder ist Berlin provinziell und deprimierend geworden, wie viele behaupten?

Da seit 25 Jahren von außen und innen versucht wird, diese Stadt zu verändern, bleibt sie natürlich ein interessantes heißes Pflaster. Was heißt verändern? Verbessert oder verschlechtern. Diesen Unterschied macht der Tagesspiegel nur zu gern. Zu Depressionen braucht man Zeit, wie sie Journalisten allenfalls in einer Wochenzeitung haben.

Berlin war einmal die deutsche Stadt der großen Journalisten. Gibt es davon noch welche?

Ja, wenn sie nicht gestorben sind wie Fontane und Kerr.

Über Größe urteilen besser die Kleinen. Der Springer-Konzern hat in Berlin fast das Zeitungsmonopol. Welche Chancen hat Ihr liberales Blatt, und welches Publikum hält zu Ihnen?

Fast ein Monopol gibt es nicht. Die in Berlin allerdings nur zu deutliche Gefahr einer Pressekonzentration läßt die Konturen einer in jeder Hinsicht unabhängigen Zeitung um so deutlicher hervortreten. Gelänge es, eine wohlverstandene Berliner Stimme in konzertierter Presseaktion von einem Hamburger Dirigentenpult aus zu machen, wäre diese Stadt wirklich provinziell. Auch deshalb erfreut sich der Tagesspiegel bester Gesundheit.