Frankfurt/Main

Der Angeklagte vor einem Frankfurter Schöffengericht war, wie er unter Tränen versicherte, „zu jeder Sühne bereit“. Das erlebt man vor Gericht nicht alle Tage. Nicht alltäglich war auch die Antwort des Gerichts auf diese Sühnebereitschaft: Es stellte zwar die Schuld des Mannes fest, verzichtete aber darauf, eine Strafe zu verhängen.

Im Bewußtsein des Volkes, in dessen Namen Recht gesprochen wird, folgt die Strafe im Idealfall der Schuld so unentrinnbar auf dem Fuße wie ein Schatten. Doch die Justiz beginnt der Kinderbuch-Weisheit, wonach Strafe sein muß, allmählich zu entwachsen. Und so konnte im April dieses Jahres, im Rahmen der Strafrechts-Teilreform, auch die gesetzliche Bestimmung in Kraft treten, daß bei Übertretungen und Vergehen von Strafe abgesehen werden kann, „wenn die Folgen der Tat, die den Täter getroffen haben, so schwerwiegend sind, daß die Verhängung einer Strafe offensichtlich verfehlt wäre“. Von dieser Bestimmung machte das Frankfurter Gericht Gebrauch – mit Dankbarkeit, wie Richter Opper in der Urteilsbegründung erklärte.

Der Fall: Der 39 Jahre alte Angeklagte, stellvertretender Geschäftsleiter, hatte unter Alkoholeinwirkung einen Verkehrsunfall verursacht, bei dem sein viereinhalbjähriger Sohn getötet, er selbst schwer verletzt wurde.

Der Mann war Opfer seiner geschäftsbedingten Fröhlichkeit geworden, die in vielen Firmen mit dem Herannahen des Jahresabschlusses aufzublühen pflegt. Nach einer Woche harter zusätzlicher Arbeit fand man die wohlverdiente Entspannung im Alkohol. Am Morgen des Unglückstages wachte der Angeklagte mit einem schweren Kopf auf. Während der Arbeit machten sich entsprechende Ausfallerscheinungen bemerkbar, die er nach dem alten Hausrezept bekämpfte: „Der Kater will zu trinken haben.“

Nachmittags holte ihn seine Frau mit dem Kind bei der Firma ab. Der Angeklagte, der sich mittlerweile wieder prächtig fühlte, bestand darauf, selbst zu fahren. Die Heimfahrt im einsetzenden Berufsverkehr, so stellte er kategorisch fest, sei für sie zu schwierig. Die Frau, der seine alkoholbedingte Beschwingtheit nicht völlig entgangen sein konnte, fügte sich.

Das Kind hatte den Vater eine Woche lang kaum zu sehen bekommen, erzählte eifrig, und der Angeklagte ließ sich ablenken. Auf einer stark befahrenen Ausfallstraße geriet er plötzlich zu weit nach links, seine Frau stieß einen Schreckensruf aus, er riß den Wagen nach rechts und fuhr in den Straßengraben. Der Wagen überschlug sich mehrmals. Der Fahrer und das Kind wurden hinausgeschleudert. Das Kind starb nach drei Stunden im Krankenhaus.