Von Hellmuth Karasek

In Brechts „Mutter“ gibt es eine Szene, in der Pelagea Wlassowa, Mutter eines Revolutionärs und später selber Revolutionärin, einer illegalen kommunistischen Zelle anbietet, sie wolle Flugblätter mit einer Streikaufforderung in eine Fabrik schmuggeln. Sie handelt zu diesem Zeitpunkt kaum aus revolutionärer Überzeugung, vielmehr aus Sorge um ihren Sohn, den sie vor diesem gefährlichen Auftrag schützen möchte. Ihr Anerbieten wird von den vier Arbeitern diskutiert, dann wird darüber abgestimmt.

Wenn die Schaubühne am Halleschen Ufer die „Mutter“ als erste, programmatisch gemeinte Aufführung herausbrachte, dann mag man in dieser Szene einen wichtigen Grund dafür sehen: Das Ensemble, das sich – zunächst auf zwei Jahre – zu kollektiver Zusammenarbeit, zur beteiligenden Mitsprache aller Betroffenen zusammengeschworen hat, suchte und fand in der „Mutter“ ein Stück, das es nicht nur didaktisch nach außen verwirklichen konnte, sondern auch agitatorisch nach innen. Die Arbeit am Stück und die Absicht des Stücks sollten zu einer idealen Deckung gebracht werden.

Wer Vergleiche mit dem Jesuitendrama der Gegenreformation nicht für Ironie hält, wird bemerken können, daß dieses optimistischste, parteitreueste Stück Brechts auch so etwas ist wie eine proletarische Heiligenlegende. Sich dabei auf den manchmal arg holzschnitthaften Inhalt zurückzuziehen, hieße verkennen, daß es Brecht und Eisler 1930/31 um Politik und um Form zugleich ging.

Um Politik, indem sie gegen den immer bedrohlicher werdenden Nationalsozialismus daran erinnerten, daß die ihrer Meinung nach einzig mögliche Aktionseinheit die aller progressiven Kräfte in der Kommunistischen Partei war. Um Form, indem sie hier versuchten, das Gewöhnliche zum Außergewöhnlichen umzuformen, das Theaterherkommen vom Kopf auf die Füße stellend. Und indem Brecht, nach der dialektischen Kälte und Konsequenz seiner Lehrstücke, eine populär-agitatorische Didaktik suchte, die bewahren sollte, was sie aufzugeben trachtete: ihre denkerische und formale Kompliziertheit.

Wer sich die „Mutter“ heute ausmalt und vorstellt, kann meinen, daß die hier angewandten Brechtschen Mittel inzwischen ziemlich auf den Hund gekommen sind. Die Theaterpraxis hat sie abgeschliffen und ausgehöhlt; wir sehen all die Staatsschauspieler vor uns, die in den Ballonmützen-Gestus und den Song-Trotz schlüpfen, wir hören eine Sprachkörnigkeit, die längst zum Weltdeutung vortäuschenden Kunstjargon der Bühne verkommen ist. Wie die Gewohnheit aus der Oper die Operette gemacht hat, so hat der Verzicht auf die Brechtsche Agitation vom Affront den wohlbekömmlichen Nervenkitzel übriggelassen.

Wenn die Schaubühne das, Stück wählte, ja fast wählen mußte – konnte und durfte sie annehmen, daß solche Verschleißerscheinungen umkehrbar sind?