Will man italienischen Sachkennern glauben, dann fängt die Mafia im Hafen von Genua an und nicht erst in Neapel. Jedenfalls hat eine neue Einheits-Hafengesellschaft im verworrenen Patronage- und Ämter-Dschungel, im Gebühren-Unterholz und Gestrüpp der Beziehungen des größten italienischen Seehafens bisher noch nichts Entscheidendes ausrichten können. Nach wie vor funktioniert die Abfertigung schlecht. Indes sind Kosten und Abgaben gestiegen.

Die Folgen einer jahrzehntelangen Fehlentwicklung: Genuas Rolle im italienischen Seehandel geht zurück. Sein Anteil am Güterumschlag der italienischen Häfen betrug 1967 noch 18,5 Prozent, 1969 aber nur noch 16,8 Prozent. Hohe Kosten und lange Wartezeiten vertreiben viele Auslandskunden aus dem Hafen. Sie wandern nach Marseille ab, öfter noch an einen Nordseehafen. Schweizer Kaufleute berechneten, daß der Transport über Genua „nur noch in außergewöhnlich günstigen Umständen“ einen Vorteil bringt, obwohl die Strecke Antwerpen, Rotterdam und Amsterdam dreimal so groß ist wie die von Genua nach Italiens südlichstem Grenzpunkt Chiasso.

Genua ist ein besonders krasser Fall für die Disfunktion italienischer Häfen. Aber er ist nicht der einzige. Namhafte Fachleute des italienischen Marineministeriums sprechen offen davon, daß Italiens Häfen zu Inseln im modernen Wirtschaftsleben geworden sind, die sich jedem Versuch zur Rationalisierung widersetzen. Die Folgen sprechen für sich: Italiens Mittelmeerhäfen verlieren jährlich drei Millionen Tonnen Fracht an die Nordseehäfen. Der Wert dieses Ausfalls wird auf 20 Milliarden Lire (120 Millionen Mark) geschätzt. Allein Antwerpen zieht jährlich 400 000 Tonnen italienischen Warenumschlag an sich.

Dabei hat es die italienische Regierung nicht an. Mitteln zur Modernisierung fehlen lassen. Nach Schätzung von Fachleuten wurden in den letzten zehn Jahren zwei Milliarden Mark für die Verbesserung italienischer Hafenstrukturen bereitgestellt. Mehr als eine halbe Milliarde floß allein aus dem „Blauen Plan“ zur Reorganisation der Seehäfen. Aber das Geld wurde zu sehr verstreut. Jeder der 144 italienischen Häfen wollte an der goldenen Flut teilhaben. Irgendwo in Süditalien wurden sogar Mittel für einen Hafen angefordert, der gar nicht existierte.

Noch spürbarer als der Mangel an moderner Häfenausrüstung ist die Desorganisation. Die Abfertigung läßt in Genua oft tagelang auf sich warten. Die Kräne, die nach Angaben eines Gewerkschaftssprechers „ins Marinemuseum genören“, können wegen ständigen Personalmangels nur zu zwei Dritteln genutzt werden. Auf der anderen Seite wird überflüssiges Personal vorzeitig pensioniert.

Obligatorische Leistungen für Dienste, die gar nicht in Anspruch genommen werden, sachlich nicht haltbare Gebührenaufschläge, erzwungene, durch moderne Technik jedoch längst überflüssig gewordene Pausen: all diese Kosten muß letzten Endes die Ware tragen.

Da dieser Zustand auch den Italienern unheilbar erscheint, wurde im vergangenen Jahr eine Einheitsgesellschaft mit dem Ziel der Reorganisation des Genueser Hafenwesens gegründet. An der Seport sind Stadt und Provinz beteiligt. „Innerhalb von vier bis sechs Monaten wird sich die Lage entscheidend ändern“, prophezeite Sepcrt-Präsident Dagnina beim Start der Gesellschaft. Mittlerweile ist er skeptischer geworden und bewertet die vielseitigen Interessen im Hafen etwas realistischer.

Sein Unternehmen verfügt über 3900 feste Arbeitskräfte. Insgesamt wird die Zahl der unmittelbar im Hafen beschäftigten Personen im 30 000 geschätzt, während die Aktivität von 100 000 bis 120 000 Personen irgendwie im Zusammenhang mit dem Hafen Genua steht. Das erste Jahr schloß die Gesellschaft – trotz der erheblichen Gebührenerhöhungen – mit ein paar Millionen Mark Verlust.