Bielefeld

Wer Bethel sagt, denkt Bodelschwingh, Barmherzigkeit, Brüderlichkeit. Bethel ist ein Alibi für das Gewissen der Bürger, die sich den Anblick von Schwachsinnigen, Gemütskranken, Epileptikern, Alten, Gebrechlichen ersparen wollen. Bethel ist tätiges Christentum. Bethel ist ein unverdautes Stück 19. Jahrhundert inmitten einer hochindustrialisierten Leistungsgesellschaft. Bethel – das sind auch 140 Kriegsdienstverweigerer, die dort ihren Ersatzdienst ableisten. Ohne sie könnte der Pfleger und Fürsorgebetrieb (7500 Patienten) nicht mehr im gewohnten Maße aufrechterhalten werden.

„Ersatzdienst“ – ein schlechtes, ein dummes Wort, da es junge Menschen zu Minderwertigen stempelt – hier paßt es hin. Als „billiger Ersatz für das Fehlen einer genügenden Anzahl ausgebildeter Pflegekräfte“ fühlen sich die Kriegsdienstverweigerer in Bethel. Und warum müssen sie den Lückenbüßer spielen? Weil unserer Gesellschaft das „Verantwortungsbewußtsein und Engagement ... gegenüber ihren Außenseitern (z. B. Fürsorgezöglinge, Nichtseßhafte, Straffällige, Geistes- und Suchtkranke, Milieugeschädigte)“ abhanden gekommen ist.

Die Ersatzdienstler, das heißt ihre „politischen“ Köpfe, liefern auch die Analyse für dieses merkwürdige Verhalten eines sich christlich nennenden Volkes: „In der Öffentlichkeit wird der Wert des Menschen beurteilt nach der durch ihn erbrachten ermeßbaren Leistung. Diejenigen, die dieser Anforderung nicht genügen, werden als minderwertig betrachtet und von der Umwelt isoliert.“ Und, noch schärfer: „Krankenhäuser, Pflegeheime usw. sind keine gewinnabwerfenden Produktionszweige der Volkswirtschaft. So stehen für die dort notwendigen Investitionen nicht genügend Mittel zur Verfügung.“

Diese Motivforschung kann man nicht einfach als Politikasterei spinneter Radikalinskis abtun, denn auch im offiziellen Arbeitsbericht der v. Bodelschwinghschen Anstalten liest man Sätze wie diese: „Die Nichtseßhaftenfürsorge... gehört zu den Sozialhilfen, die es schwer haben, das nötige Verständnis und die erforderliche Unterstützung in der nach Tüchtigkeit und Erfolg orientierten Gesellschaft zu finden.“ Oder: „Leider konnte jedoch nicht allen die Hilfe geboten werden, die sie benötigten.“

„Als 1961 das Bundesverwaltungsamt Arbeitsplätze für Ersatzdienstler zu suchen begann, bestellten die v. Bodelschwinghschen Anstalten gleich hundert Mann. Ganze 26 kamen. Die Anstaltsleitung muß also dankbar sein, daß neuerdings so viele junge Menschen den Dienst mit der Waffe ablehnen. Aber Hausvätern, Diakonen und Pflegern der älteren Generation fällt es schwer, sich an den Anblick der langhaarigen, bärtigen, haschverdächtigen Jünglinge zu gewöhnen, die seit etwa zwei Jahren mehr und mehr den Typ des „lieben, braven Wehrdienstverweigerers“ verdrängen, der in den ersten Jahren still und redlich seine Christenpflicht erfüllte. Einer der jüngeren Betheleaner schildert den Gegensatz der Generationen so: „Früher wurde den Diakonenschülern gesagt: Werd’ erst mal Diakon, dann kannst du den Mund aufreißen. Und nun kommen die Ersatzdienstler und die sagen, was sie meinen!“

Dieser kritische, zersetzende Geist, der nicht einmal vor den geheiligten Prinzipien und Strukturen Bethels Halt macht, der sich in einer apolitischen Umgebung bewußt politisch versteht – vor ihm graut manchem ergrauten Hausvater. Sie würden einige der „aktiven“ Ersatzdienstler lieber außerhalb der Stadt sehen. Aber die Alternative, die sich dann anböte, klingt denn doch zu unrealistisch: „Lieber von der 42- zur 56-Stunden-Woche zurück, als noch länger mit diesen Kriegsdienstverweigerern!“