Sind sie des Preises und der Liebe wert: ein Richter, der andere der „Unzucht“ wegen ins Gefängnis bringt und selber amouröse Begegnungen mit den Frauen von Gefängnisinsassen sucht? ein Polizeichef, der Schnüffelstreifen gegen Autofahrer einsetzt und selber unter dem Einfluß von Alkohol fährt? ein Musiker, der als Millionär die Reichen verachtet? ein Lehrer, dessen Erziehungsauftrag vor den eigenen Kindern versagt? ein Politiker, der seiner Partei selber in den Rücken fällt?

Willkürliche Beispiele, herausgegriffen aus den Nachrichten der letzten Wochen in der Hoffnung, daß sie beim Leser die Reaktion „den meint der wohl“ statt „das gibt’s doch gar nicht“ auslösen.

Herausgegriffen auch, um zu fragen: Was ist zu preisen an einem Schriftsteller? Dieser Schriftsteller sagt: „Die Wörter infizieren und ignorieren, verwischen und verschlimmern, beschämen und verfälschen und verkrüppeln nur; aus dem Mund und auf dem Papier mißbrauchen sie durch ihre Mißbraucher.“ Und schreibt dennoch weiter auf dem Papier, und redet aus dem Mund!

Gewiß hat Thomas Bernhard sein Recht auf seine Meinung. So aberwitzig verdreht seine Ansichten denen erscheinen mögen, welche Wörter mit all ihrer Fragwürdigkeit zu schätzen wissen als, trotz allem, Medium der Kommunikation, der Information, des Menschenmöglichen – Thomas Bernhard treffe kein Vorwurf.

Aber was ficht die mißbrauchten Mißbraucher an, im Namen der deutschen Sprache und Dichtung feierlich zu erklären: Preis sei Thomas Bernhard? Sollte es so sein, wie Wolfram Schütte in der Frankfurter Rundschau schreibt: „Gesellschaftlicher Masochismus ist ein Zeichen historischer Überfälligkeit der Herrschenden“?

Das ist ein guter Satz, ein Satz, mit dem sich auseinanderzusetzen der Mühe wert wäre.

Ich halte ihn für falsch. Endzeiten von Zivilisationen scheinen mir eher charakterisierbar durch den Sadismus der Herrschenden.