Schon das Kleinkind muß lernen, daß nur ein „artiges“ Kind auch ein „liebes“ Kind ist. Die Erziehung zum gehorsamen Untertanen muß eben früh beginnen, soll sie das gewünschte Resultat erzielen. Und gewünscht heißt hier: ein möglichst problemloses Heranwachsen, das die Eltern nicht in Konflikte stürzt.

Zu meiden ist vor allen Dingen jegliche Art von Auseinandersetzung, schließlich wollen ja die Eltern zu bestimmen haben, was richtig ist und was nicht. Respekt wird auch dann gefordert, wenn er nicht angebracht ist. Kritik am Handeln der Eltern ist unerwünscht. Autorität wird zum Maßstab der Erziehung erhoben.

Beginnen dann die Symptome dieser Falsch-Erziehung auch für die Eltern sichtbar zu werden, so suchen sie den Fehler zumeist bei anderen, selten jedoch bei sich selbst. Ein beliebter Sündenbock ist die Schule, auch der angeblich falsche Umgang der Jugendlichen wird beschworen. Schule und Freunde sind plötzlich schuld daran, daß die Töchter oder der Sohn in der Schule versagen, daß sie zu Rauschmitteln Zuflucht nehmen, weil sie mit ihren Problemen nicht mehr fertig werden. – So sieht es mit der Erziehung zum Gehorsam tatsächlich aus.

Doch es gibt auch genug Fälle, da sich die Kinder so entwickeln, wie die Eltern es sich wünschen: sie werden ein Abklatsch der Ideen ihrer Eltern, übernehmen kritiklos deren Wertvorstellungen und werden später ihrerseits versuchen, die eigenen Kinder zum Gehorsam zu erziehen.

Diese gehorsamen Kinder werden es weiterhin für richtig halten, daß Gehorsam zu Hause, in der Schule, am Arbeitsplatz und überall sonst, wo ein gehorsamer Mensch sich dies wünscht, vonnöten ist, damit der Mensch zu einem „wertvollen Mitglied der Gesellschaft“ heranreift. Sie werden weiterhin Kinder, Ehefrau und Untergebene schikanieren in dem Bewußtsein, das Rechte zu tun.

Wir haben uns noch nicht sehr weit von der Hitlerzeit entfernt. Im Gegenteil. Es ist meine ganz persönliche Meinung, daß auch heute noch Ähnliches wie zu Zeiten des Hitlerregimes sich ereignen könnte, gäbe es nur den „richtigen“ Führer, der es verstünde, die Emotionen der Massen anzusprechen ... Wir – und nicht nur wir – haben den kritischen Punkt noch lange nicht überwunden. Dieser Punkt wird aber nur dann überwunden sein ...,

wenn der Letzte seinen blinden Gehorsam abgelegt und sich zu einer kritisch beobachtenden Haltung durchgerungen hat;