Wir kennen Brechts Gedicht „Fragen eines lesenden Arbeiters“ und neuerdings Bundespräsident Heinemanns engagierte Forderung, daß ein freiheitlich-demokratisches Deutschland unsere Geschichte bis in die Schulbücher hinein anders schreiben müsse. Doch gar so neu ist solche Kritik nicht. Dem Göttinger Physik-Professor Georg Ch. Lichtenberg etwa fiel vor gut 200 Jahren folgender Aphorismus ein: „Große Eroberer werden immer angestaunt werden, und die Universalhistorie wird ihre Perioden nach ihnen zuschneiden. Das ist traurig, es liegt aber in der menschlichen Natur... Bei einem Viehmarkt sind immer die Augen auf den größten und fettesten Ochsen gerichtet.“ Auch Emeritus Hans Herzfeld – Herausgeber des

„Biographischen Lexikons zur Weltgeschichte“; S. Fischer-Verlag, Frankfurt/Main 1970; 1040 S., 56,– DM

– warnt vor antiquierter Heldenverehrung. Ebenso wehrt er sich aber gegen momentan gängige Vereinfachungen, zu Recht, denn nicht jede historische Figur ist zum bloßen Zitatenspender für Quizmaster heruntergekommen.

Wer nun knappe Informationen zu den wichtigsten Personen von der Antike bis zur Gegenwart (1968) sucht, greife zum vorliegenden Halblederband. Rund 1500 alphabetisch geordnete Biographien (von Abaelard bis Zwingli) und 650 Porträts finden sich in dieser überarbeiteten Neuausgabe des vierbändigen Fischer-Lexikons „Geschichte in Gestalten“. Im Register sind zusätzlich 2000 „Sekundärfiguren“ erschlossen, deren Lebensdaten und Regierungszeiten genannt werden. 77 Historiker stellen Leben und Werk von Monarchen, Militärs, Ideologen, Industriellen, Politikern, Parteiführern und Päpsten vor.

Nicht jeder biographische Artikel befriedigt. Warum fehlen beispielsweise in den Beiträgen über Hindenburg und Adenauer Hinweise auf Hintergrundfiguren wie Otto Meißner oder Hans Globke? Wieso bezeichnet Frau Krallert-Sattler den griechischen Hitlerverehrer Ioannis Metaxas (1871/1941) als „gemäßigt“, und weshalb vergaß sie bei Ministerpräsident Eleutherios Venizelos (1864/1936) zu erwähnen, daß er 1929 in Griechenland Konzentrationslager errichten ließ? Gustav Landauer, Erich Mühsam, Ernst Toller – das Triumvirat der Münchner Räterepublik – sind nicht einmal als „Sekundärfiguren“ im Register auffindbar. Werner Hornung