Was ein richtiger Ordnungshüter ist; der schaut nicht nur auf den Straßen nach dem Rechten, sondern auch in den Gärten, besonders in Nachbars Garten. Und dort hatte das Auge des Gesetzes, welch ein Graus, das Haar – noch genauer: den Zahn – in der Suppe entdeckt: den Löwenzahn.

Was für andere ein steiler Zahn, wurde für den Polizeibeamten im schwäbischen Unterland der Löwenzahn, der im Nachbargrundstück frisch und munter, pop-farbig und blühend gedieh. Nach jedem Schichtdienst waren die Löwenzahnblätter um ein paar Zacken reicher und die Pusteblumen um ein paar Samen ärmer.

Da der Gartennachbar aber ein Bündnis mit dem Heilbronner Wind abgeschlossen hatte, wehte der Samen schnurstracks in des Ordnungshüters Garten. Anstatt daß dieser nun umgehend das Streugut zusammensuchte und vernichtete oder wenigstens als Corpus delicti des nachbarsammelte, erstarttete Anzeige gegen den Nachbarn. Gleichzeitig spielte er in seinem eigenen Garten Löwenzahn-Arzt, indem er um dreihundert Mark Vertilgungsmittel auf seinem stubenreinen Grasteppich um sich warf. Aber alles umsonst, die Löwenzähne waren nicht auszubeißen, weder drüben, beim Wiesenbauern, noch bei ihm, beim Polizeibeamten.

Der bauernschlaue Nachbar verteidigte nämlich seine Löwenzähne vor dem Heilbronner Amtsgericht wie die schönsten Wunderblumen. Sogar Milch gäben sie, und ein begehrtes Futter für Hasen und anderes Getier seien sie auch noch. Welch eine Beleidigung: Löwenzahn als Unkraut zu apostrophieren! Auf alle Fälle ließ er es sich nicht gefallen, daß er eines Polizisten wegen seinen Garten der schönen Pusteblumen berauben sollte. Der gesetzeskundige Staatsdiener aber berief sich auf eine Polizeiverordnung, nach der alles Unkraut rechtzeitig vernichtet werden müsse, ehe es die Nachbarschaft verunsichere oder gar verunziere. Zumindest wollte er Ersatz für sein Unkrautvertilgungsmittel erhalten.

Nachdem dies ihm das Amtsgericht abgelehnt hatte, bemühte er das Heilbronner Landgericht. Aber auch das hohe Gericht entschied nicht im Sinne des Ordnungswidrigkeitsverdachts. Wenn nämlich Flugzeuge über den Garten des Polizisten fliegen dürfen, dann gibt es auch kein Flugverbot für Löwenzahnsamen. Des Polizisten Eigentum werde dadurch nicht verletzt. Im übrigen, so entschied der Naturfreund auf dem Richterstuhl – Aktenzeichen 5 S 136/69 –, sei der Löwenzahn eine ortsübliche Wiesenblume, ja sogar eine Nutzpflanze. Deshalb darf der Löwenzahn des Wiesenbauern künftig ungestört blühen. Und weil der Löwenzahn auf höchstrichterlichen Beschluß kein Unkraut ist, erhält der Polizist auch seine 300 Mark für das Unkrautbekämpfungsmittel nicht ersetzt.

Wieder einmal hat ein Staatsdiener mit den falschen Waffen auf die falschen Zähne gezielt ... Karl Kendler