P. O., Montreal ‚ im Oktober

In Montreal kündigt sich der Winter an. Während der letzten Nächte sind die Temperaturen auf den Nullpunkt gesunken. Aber es ist nicht die plötzliche Kälte, die die Bewohner der großen Städte Kanadas schaudern macht. Seit dem vergangenen Sonntag läßt sie die Furcht frösteln, ihr Gesellschaftssystem und ihre Staatsordnung könnten zusammenbrechen. Denn an diesem Tage teilte ihnen Premierminister Trudeau über Rundfunk und Fernsehen die Nachricht von der Ermordung des Arbeitsministers der Provinz Quebec, Pierre Laporte, mit. Die Terrorwelle, unter der Kanada seit sieben Jahrenleidet, überschlug sich. Würde sie die Ordnung des Landes bin weg reißen?

Als in der Nacht zum 6. Oktober der britische Diplomat James Cross in seinem Schlafzimmer in Montreal überfallen und entführt wurde, stellte sich diese Frage noch nicht. Die Entführung schien nur einer der zahllosen Terrorakte zu sein, mit denen die Separatisten Kanada bisher in Atem hielten. Doch schon fünf Tage später ließen die Extremisten erkennen, daß sie diesmal zum Generalangriff antraten. Nachdem die Provinzregierung Quebecs ihre Forderungen nach Freilassung von „politischen Gefangenen“ im Austausch gegen Cross abgelehnt hatte, schlug die militanteste der Separatistenorganisationen, die Befreiungsfront von Quebec (FLQ), zum zweitenmal zu: Vor den Augen seiner Frau entführten zwei maskierte Männer den Arbeitsminister Laporte, als er im Garten seines Montrealer Hauses mit seinem Sohn Ball spielte.

Wenige Stunden später stellten die Terroristen ein neues Ultimatum: Sie forderten die Freilassung von 23 Gefangenen, sicheres Geleit für die Entlassenen nach Kuba oder Algerien und 500 000 Golddollar Lösegeld. Sollten die Forderungen nicht innerhalb von zwei Tagen erfüllt werden, drohten sie mit der Ermordung Laportes.

Die Regierung antwortete mit umfassenden Gegenmaßnahmen. Sie ließ sich davon auch nicht durch dem letzten Brief Laportes abhalten, der darin vor Vergeltungsschlägen gewarnt und den Premierminister von Quebec, Bourassa, angefleht hatte: „Entscheide Dich. Es geht um mein Leben. Ich sage es noch einmal, mach der Suche ein Ende. Laß die Polizei nicht ohne Dein Wissen auf eigene Faust weitersuchen. Der Erfolg dieser Suche würde mein Todesurteil sein.“

Pierre Trudeau blieb hart. Er setzte das „Sondergesetz über den Kriegsnotstand“ (War Measures Act) in Kraft. Er ließ die FLQ verbieten und entsandte 15 000 Soldaten in die Provinz Quebec, den Hauptkampfplatz der Separatisten. Seither sind über 300 Verdächtige festgenommen worden. Schwerbewaffnete Soldaten bestimmen das Straßenbild Montreals und der anderen Städte Quebecs. Aber auch sie konnten nicht verhindern, was der sonst als so lebenslustig geltende Trudeau mit steinernem Gesicht seinen Landsleuten mitteilen mußte: daß Pierre Laporte ermordet wurde, aufgefunden im Kofferraum eines Wagens und in eine blutdurchtränkte Decke gehüllt.

Trudeau ließ die Flaggen auf halbmast setzen. Als besondere Geste gegenüber den Frankokanadiern wurde auf dem Parlamentsgebäude von Ottawa die Flagge von Quebec gehißt. Doch diese Geste kann den Zwiespalt nicht zudecken, der sich in den letzten Jahren zwischen den frankophonen und anglophonen Kanadiern aufgetan hat und der in der Ermordung Laportes seinen erschütterndsten Ausdruckfand.