ZEIT: Herr Dr.Arndt,, diefünf führenden Wirtschaftsforschungsinstitute der Bundesrepublik, darunter das von Ihnen geleitete Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), haben ihre Prognose über den mutmaßlichen weiteren Konjunkturverlauf veröffentlicht. Danach befindet sich die westdeutsche Wirtschaft „im Obergang von der Übersteigerung, zur Normalisierung“. Während schon jetzt die Expansion der Nachfrage nachläßt, hält der Lohn-, und Preisanstieg unvermindert an. Dabei wird es nach Ansicht der Institute auch im ersten Halbjahr 1971 bleiben. Die Verbraucherpreise werden in dieser Zeit um etwa 3,5 Prozent steigen. Erst in der zweiten Hälfte des kommenden Jahres wird sich diese Rate auf 2,5 Prozent vermindern. Mit stabilisierenden Einflüssen von außen rechnen, die Institute nicht, denn Konjunktur und Preise werden sich in der Bundesrepublik und im Ausland „annähernd im Gleichschritt entwickeln“. Wie lautet Ihre persönliche Prognose für die konjunkturelle Entwicklung im Jahre 1971?

Arndt: Sie deckt sich vollauf mit den Voraussagen der Forschungsinstitute. Wir werden ein befriedigendes Wachstum haben, die Investitionstätigkeit wird nach mehreren Jahren starker Expansion noch erstaunlich hoch sein. In der Lohnentwicklung wird es zu einer Beruhigung kommen. Für die Weltkonjunktur des nächsten Jahres wird nach wie vor ein ungebrochenes Wachstum, leider aber auch ein erheblicher Preisauftrieb vorausgesehen. Insgesamt werden wir auf unseren ausländischen Absatzmärkten mit der gleichen Lage zu rechnen haben wie 1970.

ZEIT: Es wird in der letzten Zeit viel über das Wort „Stagflation“ geredet. Fürchten Sie nicht, daß der erste Teil dieses Wortes in Erfüllung geht? Rechnen Sie nicht damit, daß wir 1971 in eine Stagnation oder gar in eine Rezession hineingeraten?

Arndt: Die Gefahr ist heute eher geringer als vor einem Jahr. Damals sind eigentlich alle Schätzungen der Konjunkturentwicklung für 1970 davon ausgegangen, daß es zusätzlich zu den ohnedies rezessiven Tendenzen in der US-Wirtschaft zu einer Beruhigung in der internationalen Politik kommen würde, etwa zu einem Abzug der Amerikaner aus Vietnam.

ZEIT: Also keine Stagnation. Aber wie ist es mit der Inflation? Glauben Sie, daß in der Bundesrepublik bei der gegenwärtigen Wirtschafts- und Konjunkturpolitik die Prognose des Wirtschaftsministeriums in Erfüllung geht, in der ein Rückgang derPreissteigerungsrate auf 2,5 bis 3 Prozent vorhergesagt wird?

Arndt: Nach der Gemeinschaftsdiagnose der Institute kann das in diesem Ausmaß nicht erreicht werden. Die Schätzungen der Verbraucherpreise, besonders für das erste Halbjahr 1971, liegen deutlich oberhalb dieser Marke. Dabei müssen wir natürlich die internationale Verflechtung der deutschen – Wirtschaft berücksichtigen. Wenn die Weltmärkte für unsere Produkte stark aufnahmefähig sind und insbesondere unsere Investitionsgüterauch zu steigenden Preisen abgesetzt werden können, wird unsere Industrie im Wettbewerb um die knappen heimischen Produktionsfaktoren auch eine entsprechende Bezahlung hinnehmen. Kostensteigerungen und damit erhöhte Preise könnten die Folge sein.

ZEIT: Mit Ihren Äußerungen, die Deutschen müßten sich wie andere Völker daran gewöhnen, mit der Inflation zu leben, haben Sie Aufsehen und Widerspruch erweckt. Sie haben gewarnt, die Preise könnten um drei, vier oder noch mehr Prozent steigen. Droht diese Gefahr schon im folgenden Jahr?