Die abendländische Kunst von Karl dem Großen bis zum Ausklang der Romanik – ein gewaltiger Stoff, auch angesichts der Tatsache, daß nur ein winziger Teil dessen, was in jenem halben Jahrtausend zwischen Irland und Nowgorod, Norwegen und Sizilien geschaffen wurde, auf uns gekommen ist. Ihn überschaubar, faßlich gemacht zu haben, ist das Verdienst von

Hermann Fillitz: „Das Mittelalter I“, Band V der Propyläen Kunstgeschichte; Propyläen Verlag, Berlin; 333 S., Abb., Einzelpreis Ln. 165,– DM.

Fillitz hat aber nicht nur ein ungemein verwickele tes Kapitel der Kunstgeschichte souverän gestaltet, er teilt sich auch in einer Art und Weise mit, die selbst den Laien die 109 Seiten seines Einleitungstextes gespannt zur Kenntnis nehmen läßt. Das Geheimnis dieser tour de force: Fillitz legt Gewicht nicht nur auf das entwicklungsgeschichtlich Interessante, sondern vor allem auch auf die absoluten, zeitlosen Vorzüge eines Kunstwerks. Mit andern Worten: Sein kritischer Sinn ist ebenso fein ausgebildet wie sein historisches Gespür. Das ist selten, und das gewinnt ihm die Sympathie des Lesers.

Unterstützt wird diese Darstellungsweise durch die erstaunlich hohe Qualität des Bildmaterials. Besonders die Aufnahmen der Skulpturen, Elfenbeinschnitzereien und Goldschmiedearbeiten sind fast durchweg von erster Güte und Detailtreue.

Vorzüglich auch die Kommentare zu den einzelnen Abteilungen und die Erläuterungen zu den 420 Abbildungen und 64 Farbtafeln. Sie stammen von ersten Kennern: Anton von Euw, Florentine Mütherich, Renate Wagner-Rieger und George Zarnecki. Dankbar ist man für die „Synchronoptische Übersicht“ des behandelten Zeitraums; dort werden die Hauptdaten der politischen Geschichte, der Architektur, der bildenden Kunst und der Geistes- und Kulturgeschichte in jeweils fünfzig oder fünfundzwanzig Jahre betreffenden Abschnitten stichwortartig aufgeführt.

Das Thema heißt: Frühes und Hohes Mittelalter. Den Auftakt macht die Hofkunst Karls des Großen. Das ist einleuchtend. Weniger überzeugend ist die Begrenzung nach oben, die mit „Ausklang der Romanik“ umschrieben wird. Hier kommt dem Verfasser die zeitliche Überlagerung von später Romanik und früher Gotik in die Quere. Was sich beispielsweise bei der Auslassung einer Figur wie Antelami zeigt. Man fragt sich, ob eine Weiterführung bis zum Ende des Staufenreiches nicht sinnvoller gewesen wäre.

Aber es gibt Probleme, die wesentlicher und ergiebiger sind als die chronologische Begrenzung einer Epoche. Dasjenige des Weiterwirkens antiken Formengutes zum Beispiel. Und das nicht minder wichtige der Querverbindungen zwischen der westeuropäischen und der byzantinischen Kunst. Beiden widmet Fillitz seine ganze Aufmerksamkeit; beide spielen in seiner Darstellung die Rolle von Leitmotiven.