Von Wolfram Siebeck

Ich habe die Stilleben der alten Holländer gesehen mit ihren Kuchen, Kaninchen und Fischen, ich habe die Apfel Cézannes gesehen und Rembrandts Rindfleisch, die Dosensuppe des Andy Warhol und Oldenburgs Hamburger habe ich gesehen. Aber ich habe nichts gesehen. Blind für die Zeichen der Zeit empfand ich bloß, nun ja, es ist Kunst – und erkannte nicht, daß es zweimal Kunst war: Kunst dargestellt durch Kunst! Erst Daniel Spoerri, der Künstler-Koch, der nicht blind ist für die Zeichen der Zeit, hat mir die Augen geöffnet für die neue, die allerneueste Kunst, die Eat Art.

Kunst als Eßware – das Wasser läuft einem im Munde zusammen! Dabei war sie schon immer eßbar, die Kunst. Ich erinnere mich an meine Jugend, die ich das Glück hatte, in einem Elternhaus zu verbringen, wo die Eat Art zum täglichen Brot gehörte. Praktisch verging kein Tag meines Lebens, da ich mich nicht mit ihr auseinandersetzen mußte.

Meine Großmutter war schon bei der berühmten Ausstellung des Blauen Reiter im Winter 1909/10 dabei, wo ihr expressionistisches Weihnachtsgebäck bei den konservativen Kritikern nachhaltiges Magengrimmen hervorrief.

Mein Vater war als "Meister des halbgaren Spiegeleis" weit über die Grenzen seiner Heimatstadt bekannt und geachtet. Sein Vorbild war Kolumbus, dessen Verwendung eines vorfabrizierten Eies er als das erste ready-made lange vor Duchamp ansah.

Meine Mutter schließlich hatte in Worpswede backen gelernt (man mußte ihre Stutenkerle gesehen haben, um zu erkennen, was Praxiteles doch für eine Flasche war!), ihre Rosinensemmel stand bis zur großen Mäuseplage des Jahres 1956 in der Hamburger Kunsthalle, und man übertreibt gewiß nicht, wenn man sagt, daß ihr Zitronat die Eat Art um eine entscheidende Zutat bereicherte.

So war es kein Wunder, daß ich schon in frühen Jahren nach Topf und Pfanne griff. Meine ersten Backversuche machte ich im Sandkasten, woran ich mich leider nicht mehr erinnere. Doch gibt es Photodokumente aus jener Zeit, die mich bei meiner künstlerischen Tätigkeit zeigen. Übrigens total nackt, schon damals!

Sehr gut jedoch erinnere ich mich an ein anderes Frühwerk. Ich nannte es "Suppe". Als Materialien benutzte ich Brühwürfel und heißes Wasser. Später entdeckte ich es in vielen Museen beziehungsweise Restaurants wieder. Ein Beweis für die Volkstümlichkeit und Konsumierbarkeit der Eat Art! Und das hat nichts damit zu tun, daß die Leute alles schlucken, wie die Kulturpessimisten uns einreden wollen. Die Eat Art stillt ein echtes Bedürfnis! Heute hat, dank Spoerri, jede Stadt ihren eigenen Kunstmarkt, lesen sich Speisekarten wie Ausstellungskataloge. Der Suppenkaspar ist als Banause entlarvt, und wer einen guten Braten macht, hat nicht nur ein gutes Herz, sondern auch eine gute Chance, in die Kunstgeschichte einzugehen.