Von Heinz-Günter Kemmer

Auf dem Gipfel des Erfolgs droht der Veba AG, Deutschlands größtem an der Börse notierten Mischkonzern, ein schneller Abstieg in dividendenarme Zeiten. Gefahr droht von zwei Seiten: Der Veba-Erfolgsmacher, Vorstandsvorsitzender Heinz P. Kemper (65), wird an 1. September 1971 den Mischkonzern verlassen. Gleichzeitig plant der Veba-Hauptaktionär, die Bundesregierung, Kempers Reich zu zerschlagen. Die Veba-Beteiligung des Bundes soll in eine neue Bundesholding eingebracht werden.

Damit würde König Kempers großer Alptraum nach seinem Abschied Wirklichkeit – die Veba würde ihren privatwirtschaftlichen Charakter verlieren. Denn obwohl der Bund mit 40 Prozent Kapitalbeteiligung und durch Stimmrechtsbeschränkung der freien Aktionäre die Mehrheit in der Veba-Hauptversammlung hat, setzte Kemper seinen Kurs gegen den Hauptaktionär fast immer durch. Er hatte dabei leichtes Spiel, denn er hatte Erfolg. Nach der Teilprivatisierung (1965) der Veba machte Kemper aus dem kränkelnden Unternehmen einen kerngesunden Konzern. Heute ist die Veba mit 6,94 Milliarden Mark Umsatz Deutschlands neuntgrößtes Industrieunternehmen. Die Schwerpunkte liegen auf Handel und Schifffahrt, Elektrizität sowie Mineralöl und Chemie. Auch die Gewinne wuchsen unter Kempers Regie. Sein Abschiedsgeschenk an die Aktionäre: Für 1969/70 14 Prozent Dividende statt bisher 13 Prozent und für das Rumpfgeschäftsjahr 1970 (für die letzten drei Monate 1970) noch einmal vier Prozent.

Doch um das für Kemper wichtigste Abschiedsgeschenk steht es schlecht: Der Bund ist mit dem von ihm gewählten Kronprinzen nicht einverstanden. Ginge es nach Kemper, dann würde Rudolf von Bennigsen-Foerder (44), Finanzchef des Unternehmens und Kempers rechte Hand, sein Nachfolger. Von Bennigsen hat seinen auf Fachgebiete spezialisierten Vorstands-Kollegen voraus, daß er die Klaviatur des Konzerns beherrscht.

Doch dem Großaktionär ist von Bennigsen als neuer Veba-Chef offensichtlich nicht genehm. Denn der neue Mann an der Veba-Spitze würde wohl in Kempers Sinne handeln – würde sich gegen politische Einflüsse sperren, würde wohl auch des Finanzministers Bundesholding-Plan für die Veba ablehnen.

So werden schon seit Monaten an der Gerüchtebörse die Namen der möglichen Nachfolger im Dutzend gehandelt. Sieht man von völlig abwegigen Kandidaten ab, dann ergibt sich immer noch eine stattliche Liste: Der bereits genannte Kemper-Favorit Rudolf von Bennigsen-Foerder (44); Hans Birnbaum (58), Vorsitzender des Vorstandes der bundeseigenen Salzgitter AG und des Aufsichtsrats der Veba; Eberhard von Brauchitsch (44), ehemals Mitglied der Geschäftsleitung bei der Flick KG und nach Auseinandersetzungen mit dem Flick-Junior Friedrich Karl arbeitslos; Günter Vogelsäng (50), Vorsitzender des Vorstandes der Fried. Krupp GmbH; Dr. Alfred Härtl (43), Staatssekretär im hessischen Wirtschaftsministerium; Dr. Werner Lamby (46), Ministerialdirektor im Bundesfinanzministerium, und Dr. Ulf Lantzke, Ministerialdirektor im Bundeswirtschaftsministerium. Im Rennen sind auch noch die Veba-Vorstände Dr. Hartmut Hoffmann, Dr. Hans Dieter Köster und Dr. Günter Winkelmann.

Jeder Mann aus dem Vorstand wäre Kemper lieber als ein neuer Mann von draußen. Noch in der vorletzten Woche versicherte er vor Journalisten, der Konzern verfüge über mehrere Leute, die seine Nachfolge antreten könnten. Das alles läuft bei der Veba unter dem Stichwort „interne Lösung“.