Von Rolf Kunkel

Sugar Ray Robinson, wohl der größte Boxkünstler aller Zeiten, erzählt in seinem soeben erschienenen Buch „Sugar Ray“ die Geschichte seiner ersten Begegnung mit Cassius Clay. „Es war im Sommer 1960, ich stieg gerade vor der Tür meines Cafés aus dem Wagen, als mich ein schlanker, verlegen wirkender Teenager ansprach. ‚Mr. Robinson?‘ fragte er schüchtern. ‚Ja, mein Junge, das bin ich. Was gibt’s?‘ ‚Mr. Robinson, Sie kennen mich nicht, ich bin im Boxteam der Vereinigten Staaten und auf dem Wege zu den Olympischen Spielen nach Rom. Dort werde ich eine Goldmedaille gewinnen.‘ ‚Viel Glück‘, sagte ich. ‚Mein Name ist Cassius Marcellus Clay‘, sagte er. ‚Cassius wie?‘ ‚Cassius Marcellus Clay der Zweite aus Louisville, Kentucky. Sie sind mein Idol, Mr. Robinson, Sie sind der größte Boxer, den es gibt‘.“

Vier Jahre später nannte er sich selbst der Größte, verbreitete die Aura des Superstars und Boxwunders um sich. Von Robinson daraufhin angesprochen, erwiderte Clay: „Du bist und bleibst der Größte. Ich mache diesen ganzen Quatsch nur, damit die Leute aufmerksam werden. Und es funktioniert.“ Dieser Satz ist ein Schlüssel zur Person des Cassius Clay, den viele verkannten und noch mehr verdammten, aber der seinen Prinzipien stets treu geblieben ist. 1960 nach seinem Olympiasieg im Halbschwergewicht antwortete er einem russischen Reporter auf die Frage, wie ihm zumute sei, der für sein Land eine Goldmedaille errungen habe, aber zu Hause nicht mit Weißen in einem Restaurant essen oder einem Hotel schlafen könne: „Für mich ist Amerika noch immer das beste Land der Welt, Ihr Land inbegriffen.“ An seiner Einstellung sich nichts geändert. Noch vor kurzem erklärte er: „Ich hätte Amerika verlassen können. Ein anderes Land – natürlich nenne ich keinen Namen – bot mir zehn Millionen Dollar für den Wechsel der Staatsbürgerschaft. Sie warteten mit einem Düsenflugzeug in Kanada, um mich abzuholen. Aber ich will nicht weg, dies ist mein Land, ich bin nicht böse über Amerika.“

Vor dreieinhalb Jahren wollte er für die USA nicht in den Krieg ziehen. Seine religiöse Überzeugung als Prediger der Negersekte Black Muslims verbot ihm sowohl das Tragen von Waffen als auch das Boxen. Damals war Clay der erste prominente Bürger, der seinem Land den Dienst versagte. Heute, da junge Amerikaner ihre Einberufungsbefehle öffentlich verbrennen, sich mit der Flagge die Schuhe putzen, Statuen des Präsidenten zertrümmern und nach Kanada entweichen, hätte ein derartiger Schritt kaum Resonanz gefunden. Clay betont deshalb: „Ich habe weder meinen Einberufungsbefehl verbrannt, noch die Flagge beschmutzt, noch habe ich zu Gewalttaten aufgerufen. Ich bin immer nur für den Frieden eingetreten, aber man wollte an mir ein Exempel statuieren.“

Der ermordete Negerführer Malcolm X, der den Anstoß zu Clays Übertritt in die Sekte der Black Muslims gab, vertrat die Ansicht, daß die schwarzen Amerikaner in Clay zum erstenmal einen verehrungswürdigen Helden besaßen, der sich seiner Hautfarbe nicht schämte, sondern stolz darauf war und mit dem sie sich identifizieren konnten. Das weiße Establishment habe die daraus für sich entstehenden Gefahren erkannt und entsprechend gehandelt. Eineinhalb Jahre vor der Wehrdienstverweigerung, als Clay der beliebte Weltmeister und noch nicht Exponent der Muslims war, gaben die Militärbehörden bekannt, er habe die Intelligenztests nicht bestanden und könne nicht eingezogen werden. Achtzehn Monate später war Clay plötzlich so intelligent, daß er bei der Musterung mit 1A, dem besten Grad, eingestuft wurde.

Besonders übel spielte ihm die New Yorker Boxbehörde mit, die den Fahneneidverweigerer sieben Wochen, bevor er zu fünf Jahren Gefängnis und 10 000 Dollar Geldstrafe verurteilt wurde, die Lizenz entzog und den Weltmeistertitel aberkannte. Bei einem New Yorker Bundesgericht reichte Clay im November 1969 Klage gegen die selbstherrliche Entscheidung der Boxbehörde mit der Begründung ein, sie nehme ihm, das in der Verfassung zugestandene Recht, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Erst am 14. September 1970, nach zehnmonatiger Laufzeit, entschied das Gericht, der Lizenzentzug verstoße gegen das Grundrecht, sei „willkürlich und unangemessen“ gewesen. Clays Comeback war gesichert.

Grundsätzlich ändert der New Yorker Gerichtsbeschluß allerdings nichts an dem Urteil wegen Wehrdienstverweigerung, das noch nicht rechtskräftig geworden ist. Der Fall liegt zur Berufung beim Obersten Bundesgerichtshof. Für Clay ist die New Yorker Entscheidung eine persönliche Genugtuung, die in Presse und Öffentlichkeit überwiegend positiv aufgenommen wurde; Red Smith, einer der bekanntesten Sportkolumnisten des Landes, schrieb: „In unserem Gesellschaftssystem darf die Bestrafung nicht eher beginnen, bis der Beklagte alle legalen Mittel in Anspruch genommen hat. Der Fall Clay ist noch immer unter Berufung, dennoch hat Clay schon dreieinhalb Jahre Bestrafung hinter sich. Keine Bestrafung, die das Gesetz vorschreibt, sondern Strafen von der Hand gewisser Kontrollausschüsse, genannt Boxbehörden.“