Die deutsche Börse beginnt, politisch zu werden. Hauptgesprächsthema sind die Landtagswahlen in Bayern und Hessen. Sie entscheiden – meint man – über das Schicksal der heutigen Bundesregierung. Niemand in den Börsensälen erwartet von einem plötzlichen Regierungswechsel eine sofortige Besserung der für die Aktienanlage ausschlaggebenden Fakten. Der Zins wird noch hoch bleiben müssen und die Gewinnsituation der Unternehmen wird sich vorerst nicht bessern. Ändern wird sich aber sicherlich das „Klima“. Man fühlt sich in der CDU vor gesellschaftspolitischen Experimenten sicherer und weiß, daß es bei ihr keine Steuergesetzgebung geben wird, die nicht Rücksicht auf die Leistungsfähigkeit der Unternehmen nimmt.

Das Ausland gibt diesen Spekulationen offenbar mehr Raum als die inländischen Anleger, die sich nicht aus ihrer Reserve herauslocken lassen. Sie wurden denn auch am Wochenbeginn von Käufen aus Zürich und angeblich auch aus Paris überrascht und zu überstürzten Deckungskäufen gezwungen. Dem Berufshandel fielen sie nicht allzu schwer, weil zur gleichen Zeit der Geldmarkt niedrige Sätze notierte, allerdings nur für Tagesgeld.

Noch ist nicht übersehbar, ob vom Geldmarkt her eine gewisse Entspannung auf dem Kapitalmarkt hervorgerufen wird. Bei den festverzinslichen Papieren war sie schon etwas zu spüren, obwohl der Rentenmarkt bis zur Grenze seiner Leistungsfähigkeit von den Emittenten in Anspruch genommen wird. Vertreter der Bundesregierung lassen keinen Zweifel, daß für sie die öffentlichen Investitionen Vorrang vor den privaten haben. Was nichts anderes bedeutet, als daß die öffentliche Hand auch weiterhin die Konditionen am Rentenmarkt bestimmen wird. Die Industrie wird folglich mit hohen Kapitalzinsen leben müssen.

Als Zeichen für eine Auflockerung des Aktienmarktes sind gewisse Sonderbewegungen zu werten. So kam es bei den BMW-Aktien unter lebhaften Umsätzen zu beträchtlichen Kursschwankungen. Zunächst führte das Gerücht, wonach angeblich Quandt sein BMW-Paket nun endlich an das Volkswagenwerk verkauft haben sollte, zu einem Druck auf die Münchener Autoaktien. Als später das Dementi kam, waren die Börsenspekulanten erleichtert. Nun wird man auch weiterhin die Übernahmephantasie genießen können. Kenner des Automobilmarktes meinen allerdings: Quandt hat den besten Zeitpunkt zum Verkauf von BMW verpaßt. So schön, wie BMW im Sommer 1970 war, wird das Unternehmen lange nicht wieder werden.

Zu einer flotten Hausse-Bewegung kam es bei Hamborner Bergbau, wo das Kapital von 69 auf 34,5 Millionen Mark herabgesetzt wird. Die Hälfte des Aktienkapitals wird den Aktionären zurückgezahlt. Eine feine Sache, wenn das Geld so teuer ist. Harpener Bergbau hat einen ähnlichen Schritt in Abrede gestellt, und auch Gelsenberg zeigt zur Zeit noch keine Neigung, dem Hamborner Beispiel zu folgen. Immerhin hat die Börse neuen Gesprächsstoff erhalten.

Die „außerehelichen“ Beziehungen zwischen der Commerzbank und dem Credit Lyonnais haben der Commerzbank-Aktie lediglich einen vorübergehenden Stimmungsaufschwung beschert. Vielleicht war von einigen Leuten irrtümlicherweise auch eine Kapitalverflechtung angenommen worden. K. W.