Von Rudolf Walter Leonhard!

Ein Klavier stand nicht auf dem Rasen. Und auch im grasgrünen Salon des zweiten Bühnenbildes, in den ein Klavier sehr gut hineingepaßt hätte, fehlte es.

Vermißt wurde es freilich nur von Zuschauern wie Susanne, die von einem Titel erwarten, daß er sich auf den Inhalt bezieht: auch und gerade von einem Titel wie „Un piano dans l’herbe“.

„Ein Klavier auf dem Rasen“, so heißt das sechste Bühnenstück der Françoise Sagan, deren fünf Romane (so wie gerade jetzt „Ein bißchen Sonne im kalten Wasser“) von Anfang an, also seit „Bonjour Tristesse“, auch in Deutschland Verkaufsschlager waren, wohingegen die französische Autorin auf dem deutschen Theater über einen kleinen Achtungserfolg (mit „Ein Schloß in Schweden“) nicht hinausgekommen ist.

Ihr Klavier-Stück dürfte hierzulande nicht einmal auf einen solchen Achtungserfolg hoffen. In Paris spielt es seit drei Wochen vor ausverkauftem Hause; und obwohl auch die französischen Kritiker jetzt zum erstenmal recht ungnädig waren mit ihrem reifer gewordenen Wunderkind – der Figaro nennt das Stück trivial, und der Monde findet es auf dem Wege zur billigsten Boulevard-Komödie –: das Publikum fühlte sich gut unterhalten und ein wenig zum Nachdenken angeregt; es schien, als ich dabei war, niemanden zu geben, dem die fünfundzwanzig Mark für einen Parkettplatz leid getan hätten.

Theater-Publikum. Was sind das eigentlich für Leute, die noch immer ins Theater gehen? Was erwarten sie dort? Es gibt darüber keine repräsentativen Untersuchungen, es gibt nur Eindrücke. Eindrücke von Bürgern, die offenbar teilhaben wollen an feierlich zelebrierter höherer Bildung in den subventionierten deutschen Hoftheatern; von Gutverdienern aus vielen Staaten, die in den Wunschtraumfabriken am Broadway ein Leben suchen, das sie selber versäumt haben; von jungen Engländern, die ihren schmutzigen Regenmantel unter den Sitzen des Old Vic verstauen und wissen wollen, was ihnen Hamlet heute noch zu sagen hat; von apolitisch Oppositionellen, die im Theater mit Brecht erwarten, daß eine ungeliebte Welt als veränderbar gezeigt wird; von enthusiastischen Fanatikern off off Broadway, die die civil rights von der Bühne her durchgesetzt sehen wollen ...

Flüchtige Eindrücke, persönliche Eindrücke, die nichts beweisen. Allenfalls so viel ist sicher: Die Extreme – Wunschfabrik und Agitprop, schwielige Hände und große Garderobe – prallen am härtesten aufeinander in New York und in Deutschland.