Von Karl-Heinz Wocker

London, im Oktober

Es ist kein Geheimnis, daß die Waffen, die Südafrika derzeit bezieht, nicht aus Großbritannien, sondern aus Frankreich kommen. Das Londoner Institut für Strategische Studien verzeichnete in den letzten Jahren Waffenlieferungsabkommen zwischen Paris und Pretoria über Flugabwehrraketen vom Typ „Crotale“ (Wert rund 400 Millionen Mark) und Hubschrauber vom Typ „Puma“, deren Name ihre Verwendbarkeit andeutet. Dennoch sieht sich die neue Regierung in Whitehall dem Vorwurf ausgesetzt, sie wolle das Apartheidregime militärisch und damit auch moralisch aufrüsten.

Binnen einer Woche haben die Präsidenten von Tansania und Sambia sowie der Premierminister von Ghana in Downing Street gedroht, gewarnt oder abgeraten. Präsident Nyerere erklärte unumwunden, er werde für den Fall, daß England Waffen liefere, aus dem Commonwealth austreten. Präsident Kaunda verkündete bei seiner Ankunft in London, eventuell müsse man umgekehrt England aus der Völkerfamilie „hinauswerfen“. In den Verhandlungen mit Premierminister Heath wurde dies zwar nicht wiederholt, aber die Geduld des neuen britischen Regierungschefs war am Ende. Spät nachts bei Kaffee und Zigarren erregten sich die beiden Herren. Der Wortwechsel war heftig. Es ging ums Prestige: Großbritannien wollte sich vom kleinen Sambia nichts vorschreiben lassen. Ein neu ins Amt gekommener Premierminister glaubte, Entschlossenheit demonstrieren zu müssen, und das um so mehr, als die Waffen ja auch ein innerbritisches Streitobjekt sind, seit Wilson angekündigt hat, ein Lieferabkommen zu annullieren, sobald die Labour Party wieder regiere.

Heath und Kaunda versuchten anschließend, das Porzellan jener Nacht zu kitten. Presseberichte, so hieß es, seien übertrieben gewesen. Vermittler wurden ausgesandt, und Commonwealth-Sekretär Arnold Smith schickte eigens einen seiner Beamten, einen Nigerianer, nach New York, wo er verhindern soll, daß Heath und Kaunda ihren Streit fortsetzen, wenn sie sich in den Gängen des Glashauses der Vereinten Nationen begegnen. Derweil rätselt man in London, warum eigentlich beide Seiten so hitzig wurden. Daß Kaunda gegen die Waffenlieferungen agitiert, kann jeder verstehen, auch wenn manche ihm mehr psychologische Kriegführung anraten. Aber warum die konservative Regierung Wohl und Wehe des Landes davon abhängen sieht, daß Zerstörer an Südafrika geliefert werden, ist unverständlich. Außenminister Sir Alec Douglas-Home glaubt offenbar nicht nur an die kommunistische Infiltration der Seewege zwischen Suez und Singapore (über deren tatsächliches Ausmaß es unterschiedliche Berichte gibt), sondern er ist auch fest davon überzeugt, diese Gefahr dadurch verringern zu können, daß Vorsters Flotte verstärkt wird. (Seit der von den Tories nicht – erwarteten Protestkampagne gegen die Lieferungen ist plötzlich nicht mehr von Flugzeugen und Raketen, sondern nur noch von „Marine-Ausrüstungen“ die Rede.) Anderthalb Jahrzehnte nach dem Fehlschlag einer Politik, die England am Suezkanal schützen wollte (Entfernung von der Themse: 3600 Kilometer), soll jetzt die vorderste Linie nach Simonstown verlegt werden (Entfernung 9300 Kilometer), bei gleichzeitigem Zurückdrehen der historischen Uhr um mindestens jene zehn Jahre, die Südafrika nun schon außerhalb des Commonwealth zubringt.

Aber eben dieses Ausscheiden Südafrikas haben die Tories, in deren Amtszeit es stattfand, nie verschmerzt, und das rührt an die eigentlichen Beweggründe ihres Eifers, Waffen zu liefern. An dieser Südspitze des afrikanischen Kontinents hat ihr Herz (und der Wohlstand des Landes) stets sehr viel stärker gehangen als an allen Kolonialeroberungen nördlich von Transvaal. Churchill hatte dort seine ersten Husarenstücke geliefert. Rund 20 000 Engländer wandern in jedem Jahr dorthin aus. Finanzminister Barber macht dort regelmäßig Urlaub, und Innenminister Maudlings Tochter ist dort mit einem Geschäftsmann verheiratet. Außerdem können die Südafrikaner Cricket spielen – das ist fast wichtiger als das Gold, das sie fördern, und die Apfelsinen, die sie liefern.

Sie sind eben „Kith and Kin“, sie gehören zur großen britischen Sippe, und das schon länger als es die Labour Party gibt, die denn auch nach Meinung der Tories kein Verständnis dafür haben kann, daß man seinen „Verwandten“ helfen muß. „Wir lassen uns nicht in eine Konfrontation mit Südafrika drängen“, versicherte dieser Tage Heaths Kabinettsmitglied Lord Jellicoe, Sohn des berühmten Admirals, in dessen Tagen der Indische Ozean und die Kap-Route noch fest in der Hand der Britannia waren. Mißverständnisse sind so erblich wie Titel.