Zunächst ein Ritual, das Erwartungen weckte

und sie auch gleich festlegte: geheimnisvoll verschlossene Türen, zwanzig Minuten Verspätung, Meister Stockhausen weiß, was er sich schuldig ist. Ein skurriler Bühnenaufbau, zwei Flügel, nicht wie üblich mit den Spitzen nebeneinander geschoben, sondern auf einige Meter Distanz gebracht; dahinter je eine hohe Glaswand mit einer Art schrägem Dach; noch weiter hinten, auf einem Lattengestell, je eine große Lautsprecherbox und ein System von Hochtonstrahlern, dazu diverse Mikrophone, vor den Lautsprechern und in den Klavieren, an der Rampe und im Saal; zur Linken der Pianisten ein feingezimmertes Tischchen mit einem Metallkästchen, zwei Regelknöpfen mit handgemalten Skalen wie bei einem selbstgebastelten Radio, vor dem Notenpult an die Flügel geklemmt eine Reihe kleiner Glöckchen, rechts neben dem Notenpult ein runder Holzblock, rechter Hand von den Pianisten ein Pult mit Paukenschlägeln und Trommelstöcken – Uraufführung von Stockhausens „Mantra“ für zwei Pianisten. (Wer wird, bei diesem technischen Aufwand, das Stück wo noch einmal spielen können?)

„Mantra“, heißt es im Programmheft, sind „grundlegende oder wesentliche Tonformeln“, durch deren Wiederholung man „Zugang zu den entsprechenden Bewußtseinsebenen finden“ kann. „Man mag Mantras in einem Buch lesen und sie noch so oft wiederholen – sie werden, keinerlei Macht oder ‚aktive Kraft‘ besitzen, wenn sie nicht von einem Guru, einem Lehrer oder Meister, weitergegeben würden.“ Womit unter anderem auch gesagt ist, daß man diesen Programmhefttext nicht weiterzulesen braucht.

Das Metallkästchen auf dem feingezimmerten Tischchen heißt „Modul 69 B“ und bewirkt, wenn ich das richtig verstanden habe, ungefähr folgendes: Aus den Klängen, die die Mikrophone im Klavier aufnehmen, filtert es bestimmte Schwingungsbereiche heraus, die nach Quint-Abständen gestaffelt sind und mit einem der Knöpfe eingestellt werden können, und mischt sie mit einer Sinus-Ton-Trägerfrequenz, also einer elektronischen Grundsubstanz, gibt dann diese Mischung auf die Lautsprecher, fängt den Lautsprecher-Ton wieder auf und mischt aufs neue; das Endergebnis kann man mit einem Lautstärkeregler dynamisch variieren. Dieses Endergebnis hat mit dem ursprünglichen und gewohnten Klavierklang nur noch soviel zu tun wie sagen wir das Geräusch eines Auspuffs mit dem Motorgeräusch.

„Mantra“ ist beinahe so etwas wie Stockhausens Rückkehr zum Biedermeier oder zur Romantik. Die in jedem Ton und jeder „Modul“-Einstellung genau auskomponierte, also nie mehr improvisatorische Musik strömt über weite Strecken in sanftem Parlando hin, zarte Klänge, in ihrer Verfremdung scheinen sie von einer Glasharfe zu kommen, nur ganz vereinzelt einmal eine dynamische Steigerung – eine außerordentlich empfindsame und auch empfindliche Musik, die schon vom Knarren eines Stuhles beschädigt werden kann.

Was schnell auffällt und auch schnell auf die Nerven geht, ist die Quintenträchtigkeit der Klänge. Daneben wirken einige eingestreute Accessoires aufgesetzt und billig: etwa wenn die Pianisten unvermittelt und scheinbar ohne Grund mit Schlägeln auf den Glöckchen bimmeln, auf die Holzblocks klopfen oder auch zu singen anfangen.

Schließlich arbeitet„Mantra“ mit einem anderen Zeitbegriff. Man mag die ostasiatische Denk- und Verhaltensweise, sich in langanhaltender Konzentration zu entspannen, schätzen, sich darin wohl fühlen, wenn man in jenen Regionen, in jenem Environment sich aufhält. Aber ich fürchte, daß mancher japanische Arbeiter – „Mantra“ ist im Mai/Juni in Osaka entworfen worden – längst von westlicher Hektik infiziert wurde und daß vor allem westliche Mentalität nicht durch eine jährliche Stockhausensche Meditationsmusik zu missionieren ist. Mit anderen Worten: „Mantra – 62 Minuten dauernd, von denen nur die letzten vier Minuten eine lebhaftere Bewegung bringen – ist zu lang.