Von Joachim Schwelien

Washington, im Oktober

Als die Agenten des amerikanischen Bundeskriminalamtes FBI in das Zimmer des Howard-Johnson-Motels eindrangen und ihr Handschellen anlegten, sah Angela Davis ganz anders aus als auf den Steckbriefen, mit denen seit zwei Monaten nach ihr gefahndet worden war. Sie hatte ihre Frisur verändert. Das zurückgekämmte Haar gab ihrem Gesicht strenge und abweisende Züge, und dennoch wirkte sie mütterlich und kindlich zugleich. Mit ihrem vollen Mund, den geschwungenen Brauen schien sie jetzt schöner als mit dem sonst von ihr bevorzugten afrolook, der ihre gesträubten Locken martialisch wie einen Kranz um ihren Kopf stehen ließ.

Sie leistete keinen Widerstand, als sie verhaftet wurde, und wenn sie auch nicht schicksalsergeben dreinblickte, wirkte sie in diesem Augenblick wie jemand, der das Unvermeidliche auf sich zukommen sieht und auf jede zwecklose Abwehr verzichtet.

An diesem Abend konnte das FBI Angela Davis von der Liste der zehn meistgesuchten Schwerverbrecher Amerikas streichen. Sie war in zwanzig Jahren die dritte Frau, die die zweifelhafte Ehre erlangt hatte, auf dieses in ungezählten öffentlichen Gebäuden ausgehängte Fahndungsblatt des FBI zu geraten. Ihre beiden Vorgängerinnen waren gewöhnliche Verbrecher – Angela Davis hingegen, wenn auch in Kalifornien der Beihilfe zum Mord bezichtigt, paßt nicht in diese Kategorie. Ob sie wegen dieses Verbrechens, das nach den Gesetzen Kaliforniens ebenso hart wie vorsätzlicher Mord bestraft wird, überhaupt schuldig ist, wird sich erst im Prozeß herausstellen. Schon jetzt aber kann der jungen Farbigen niemand unterstellen, daß sie, eine Intellektuelle und Akademikerin von großen Gaben, heimtückische oder niedrige kriminelle Motive gehabt hat. Sie ist in den jungen Jahren ihrer kurzen Laufbahn bis zur Universitätsdozentin den Weg von der gemäßigten Bürgerrechts-Streiterin über die militante Farbigen-Organisation Black Power bis zum äußersten linken Flügel des politischen Radikalismus gegangen: Angela Davis bekennt sich uneingeschränkt und vorbehaltlos als überzeugte Kommunistin und als Verfechterin der Befreiung des farbigen Amerikaners von der „Unterdrückung“ durch den weißen Mitbürger mit allen, aber auch wirklich allen Mitteln.

Das hat bei konservativen Amerikanern und bei ihren Stützen, der Polizei- und Staatsgewalt, und der Justiz, sicherlich den Verdacht bestärkt, Angela Davis habe skrupellos das getan, was die kalifornischen Justizbehörden ihr vorwerfen. Sie soll die vier Gewehre gekauft und, wohl wissend, wozu sie gebraucht werden sollten, an einen jungen Farbigen weitergegeben haben. Die Waffen wurden schließlich beim Versuch einer gewaltsamen Häftlingsbefreiung in einem kalifornischen Gericht in San Rafael am 7. August benutzt. Vier Menschen kamen dabei ums Leben. Die Opfer dieser Wildwest-Schießerei, bei der die Polizei eifrig mitknallte, waren der Richter Harley, die beiden farbigen Häftlinge, die ihm als Zeugen vorgeführt worden waren, und der junge Neger George Jackson, ein Bekannter von Angela Davis. Er war es, der angeblich die Gewehre von ihr erhalten und den Befreiungsversuch inszeniert hatte. Er kann nicht mehr reden und weder für noch gegen Angela Davis aussagen, über die das bürgerliche Amerika aber das Urteil „schuldig“ bereits gefällt hat.

Zweifellos hat sie diesem vorweggenommenen Schuldspruch selbstgenug Nahrung gegeben – mit ihrer Flucht, mit ihrem wochenlangen Versteckspiel in zwei Dutzend Bundesstaaten, mit ihrer Agitation für die Freilassung schwarzer Häftlinge, der Soledad-Brüder, die beschuldigt werden, einen Polizisten getötet zu haben.