Von Karl-Richard Könnecke

Bekanntester Kopenhagener neuerer Zeit ist zweifellos Danny Kaye. Per Film hat der amerikanische Komiker in der Gestalt des dänischen Nationalhelden Hans Christian Andersen die Weise von Gemüt und Schönheit seines „wonderful Copenhagen“ bis in die letzten Winkel des weltweiten Hollywood-Einzugsgebietes getragen ... und das alles in jeweils anderthalb Kinostunden. Welche Chance also erst für uns, die wir – weil die Zeit es erlaubt – für Dänemarks Hauptstadt ganze zwei Tage verwenden dürfen.

Man kann es machen wie der leibhaftige Hans Christian Andersen, als er am 6. September 1819 zum erstenmal Kopenhagen erreichte. Da schaute er vom Frederiksberger Hügel hinunter über die Stadt, eilte dann durchs Tor und suchte sich eine billige Herberge. Heute hätte das einige Schwierigkeiten: Die Aussicht ist weitgehend verbaut, und die billige Herberge ist ein Märchen. Wer Glück hat, rechtzeitig Zimmer bestellt oder eine fremdenarme Besuchszeit wählt, übernachtet allenfalls preiswert. Aber verdient, denn Kopenhagen zählt zu den Städten, die ihre Liebhaber am liebsten zu Fuß sehen und die Füße infolgedessen rechtschaffen müde werden lassen.

Das Paradies aller Fußgänger (darum auch ihnen allein vorbehalten) heißt in Kopenhagen „Strøget“, mißt etwa zwei Kilometer in der Dinge und windet sich zwischen Rädhuspladsen und Kongens Nytorv mitten durch die alte Stadt. Ich kenne Kopenhagen-Fans, die sich erst dann richtig daheim fühlen, wenn sie wenigstens einmal im gemütlichen Bummelschritt. Strøget rauf und Strøget runter flaniert sind, alle Schaufenster beguckt, kesseste junge Mode in kessesten Pop-Palästen und an kessesten Däninnen bewundert, beim Felsenland am Amagertorv „To pølser med sennep og ketchup, tak“ (das sind: zwei Würstchen mit Senf und Ketchup) für zwei Kronen zehn verzehrt und sich im „Jordbærkælder“ (gegenüber der Helligåndskirke, mitten auf Strøget) erstens den Kopf an der viel zu niedrigen Kellertür gestoßen und zweitens die frischesten Früchte der Saison mit ff. dänischer Schlagsahne genossen haben.

Nächstgroßer Spaß für Kenner sind das kleine und das große Verlaufespiel. Das fängt immer dann an, wenn man Strøget rechts oder links liegenläßt. Zunächst die Regeln des kleinen Verlaufespiels: Es findet statt zwischen Strøget, dem Parlamentssitz Schloß Christiansborg und der Havnegade mit den Ablegestellen Richtung Schweden und Bornholm. Empfehlenswert ist ein konsequenter Zickzackkurs, der alle Gäßchen und Sträßchen berührt. Stationen: Zwei Dutzend Antiquitätenläden, progressive Kellergalerien (Snaregade...), Galathea-Kroen an der Ecke Kompagnistræde/Rådhusstræde (eine Sympathieprobe in eigener Sache – nur wer dem Herrn Wirt angenehm erscheint, wird eingelassen; sonst ist „leider besetzt“), leckere Smørrebrød bei „Karen Kig“ in der Fortunstræde (auf Wunsch vor Ihren Augen zubereitet), guter teurer Fisch im berühmten „Krog’s“ oder „Fiskehuset“ am Gammel Strand, Souvenirs und Camp und Pop und Älteres bei Skjalm P. am Nikolajplads, ein Quentchen Monumentalkunst im Thorwaldsen-Museum und ein Hauch von Seine-Quai mit gemischten Verkaufsbooten am Börsenkanal. Wer sich bei alledem verläuft (und das tut er garantiert), entdeckt noch etliches Pittoreskes mehr.

Das große Verlaufespiel dagegen wird zwischen Strøget, Narre Voldgade, Købmagergade und Gothersgade nach ähnlichen Regeln gespielt. Orientierungspunkte sind dabei das sogenannte Orientierungspunkte (Universitätsviertel) mit der Fußgängerstraße Fiolstræde, der Runde Turm in der Købmagergade, der idyllische Gråbrødretorv und die S-Bahn-Station Nørreport. Verlaufen ist hier spielend einfach. Entdecken erst recht. Zum Beispiel ausgezeichnet gefüllte Antiquariate (Zentren: Studiestræde, Fiolstræde), ausgezeichnet gefüllt meist auch mit deutschen Büchern. Oder ein ganzer Laden voll der schönsten Messingbeschläge (Søe-Jensen am Gråbrødretorv. Oder Dänemarks – wenn nicht gar der Welt – einzige Pfeifenkreateuse, die junge und lustige Anne-Julie in der Vestergade; nur wenige Schritte entfernt vom Konkurrenten Pibe-Dan mit ebenfalls exklusiven Pfeifenmodellen. Oder die bezaubernd altmodischen Puppentheater (mit kompletten klassischen Inszenierungen und Ausstattungen auf Wunsch) bei Priors Dukketeatre in der Købmagergade bei Hofeingang, gleich neben Runde Tårnet. Oder ein bißchen Old-English-Pub-Stimmung mit jungem Publikum im neuen Krystalpub in der Krystalgade, ebenfalls nur ein Steinwurf weg vom Runden Turm. Oder ein Drink mit dem Jet-set von Kopenhagen im „Queens Pub“, der als das in-Lokal der Stadt gilt. Oder einen Keller namens Lille apotek (Store Kannikestræde 15 im Studentenviertel), in dem Sie das Bier meterweise bestellen können – ein Meter Flaschenbier für 64 Kronen. Kaum ein Fleckchen, das einem nicht als das kopenhagenste erschiene.

Abgesehen natürlich vom Tivoli, dem ewig jungen Vergnügungspark zwischen Hauptbahnhof und Rathaus, der alles andere in „Kongens by“ in den Schatten stellt. Ein milder Sommerabend, ein bißchen verliebt vielleicht, Harlekin und Colombine in der klassischen Pantomime, ein kühles Tuborg, dänische Hausmannskost unter lauter Dänen im versteckter liegenden Tivoli-Restaurant „Grøften“, gebackene Apfelscheiben, das von Big Ben abgelauschte Glockenspiel der Rathausturmuhr, die wie lebendig gewordene Zinnsoldaten paradierende Tivoli-Garde, mit Juchhuh die Geisterbahn befahren (neuerdings angereichert mit einem Wald von erschröcklich splitternackten Pappdamen), für ein paar Kronen das eigene Profil beim Scherenschneider vom Dienst erstehen, städtische Tauben füttern, im Restaurant am Minisee mit vergnügten Dänen zur Melodie vom General Napoleon und seinen zehntausend Soldaten schunkeln, kurz vor Mitternacht auf dem Rathausplatz die druckfrische Zeitung vom nächsten Tag beschnuppern – so viel wonderful Copenhagen ist das, daß es fast weh tut vor lauter Sentimentalität und sonstigem Gemüt. Wer freilich vor Mai oder nach September Kopenhagen besucht, muß auf das Tivoli-Vergnügen verzichten. Dafür freut sich sein Auto, denn außerhalb der Saison funktionieren die praktischen Dänen ihren Tivoli in einen einträglichen Parkplatz um.