Von Hansjakob Stehle

Rom, Im Oktober

Wir schlagen euch die Köpfe ein, ihr Verräter! Das war noch eine der harmlosen Drohungen, die jene sozialistischen und kommunistischen Stadträte zu hören bekamen, die sich letzten Freitag anschickten, in einemvom Straßenmob besetzten Rathaussaal von Reggio di Calabria ihre ohnehin zaghafte, in Lokalpatriotismus verpackte Opposition anzumelden.

Unter Geschrei und erhobenen Fäusten, die den demokratischen Akt zur Farce werden ließen, wählten dann Christdemokraten, Sozialdemokraten, Republikaner und nicht zuletzt die Neofaschisten den Christdemokraten Battaglia von neuem zum Bürgermeister – den Mann, der es nicht nur zugelassen, sondern sogar gefördert hatte, daß diese süditalienische Stadt mit ihren etwa 150 000 Einwohnern drei Monate lang immer tiefer im Chaos versank. Und alles nur, weil das halb so große, aber zentraler gelegene Catanzaro als Hauptstadt der neuen Region Kalabrien vorgezogen worden war.

Ein bloßer Lokalstreit oder Symptom der Krise Italiens? Seit Reggio 1908 von einem Erdbeben getroffen wurde und diese auch vorher schon dahinsiechende, von Armut, Ausbeutung und Malaria geplagte Gegend die erste wohltätige Investitionsspritze erhielt, sagt man in dieser Stadt: „Wir besitzen zwei natürliche Hilfsquellen – Erdbeben und Überschwemmungen.“ 1970 schien eine dritte hinzugekommen zu sein: die Anarchie.

Zuerst hatte alles nur wie Bürgerstolz vor Bürokratenthronen ausgesehen. Der Bürgermeister selbst hatte sich an die Spitze eines Protestkomitees gestellt, das die römische Zentralregierung mit Protesten und Volksdemonstrationen bestürmte. Mit südlichem Temperament waren die protestierenden Bürger auf die Straße gegangen. Sogar die Madonna war gegen den Willen des Erzbischofs aus der Kathedrale geholt und auf der nächtlichen Piazza als wundertätige Helferin beschworen worden. Schließlich hatte der Oberhirte selbst dem Aufschrei einer Kirchturmspolitik seinen Segen gegeben, jedoch väterlich vor Gewalttätigkeiten gewarnt – als die Gewalttätigkeit schon begonnen hatte.

Es nützte nichts, daß sich schließlich und viel zu spät der Bürgermeister aus dem Aktionskomitee zurückzog. Seine Distanz blieb halbherzig; nichts geschah, um die Eskalation aufzuhalten. Und Rom schwieg. In der italienischen Hauptstadt, wo die Regierung Colombo ihre ersten Schritte zu einer politischen und wirtschaftlichen Stabilisierung versuchte, empfand man Reggio nur wie eine lästige Fliege, die sich am ohnehin übelriechenden Kehricht gütlich tat...